Rastede - Von wegen: Ein gutes Pferd springt nicht höher als es muss! „Einspruch”, sagt Uwe Meyer: „Sprichworte müssen nicht stimmen.“ Der Experte für Vielseitigkeitsreiterei aus Westerstede verweist auf die Praxis: „Pferde, die ein größeres Springpotenzial haben, können sich besser helfen, wenn es kritisch wird.” Wer Zweifel oder Gewissheiten für sich überprüfen will, muss die Vielseitigkeit, ein Herzstück beim Landesturnier in Rastede, verfolgen.
Dressur und Springen in den Klassen L und A sind am ersten Tag absolviert. Die Entscheidung fällt an diesem Freitag im Geländeritt, ab 12.30 Uhr in der mit 19 Pferden und Reitern bestückten Meisterklasse L und ab 13.40 Uhr in der Kategorie A mit vorerst 37 Startern.
Im L-Springen beeindruckten in der Tat die Pferde, die Reserven in der Höhe verrieten. Fünf gingen ohne Abwurf – und das waren jene, die zuvor in der Dressur ihre Zuverlässigkeit demonstriert hatten. Madita Kirchner auf Nowhere Radio aus Werlte untermauerte ihren ersten Platz aus der Dressur (40,6 Minuspunkte). Ihr Vorsprung auf Lisa Kleine Lamping mit Quite Dynamite aus Lindern (47,6) und Svenja Hempel auf Lantzelot aus Hude (49,4) ist groß.
Dramatisch wird in der A-Kategorie die Entscheidung im Gelände. Ein Dutzend Starter liegen dicht beieinander. Es führt Marie Schreiber aus Ganderkesee gleich mit zwei Pferden, Diabas (47,8) und Cool Man (48,4), vor Saskia Münker auf Tomekk Forest Fire aus Nordhorn (49,1).
„Wer nach der Dressur führt, hat heute gute Chancen, auch am Ende des Dreikampfes vorne zu sein“, kommentiert Wilhelm Weerda. Derart vorentscheidende Bedeutung hatte die Dressur lange nicht. Der Präsident des Oldenburger Pferdezuchtverbandes aus Wilhelmshaven sieht Anforderungen und Niveau gerade in Dressur und Springen deutlich erhöht. „Überhaupt steigt das Interesse an Zucht und Ausbildung von Pferden für die Vielseitigkeit”, sagt er. Das ebenso robuste wie sensible Vielseitigkeitspferd sei ein idealer Partner gerade für anspruchsvolle Hobbyreiter geworden.
Meyer, nach zehn Jahren als Parcours-Chef jetzt technischer Delegierter, und sein Nachfolger Karsten Humme aus Salzbergen pflichten bei: „Es lohnt sich wieder, in Vielseitigkeitspferde zu investieren.“ Humme misst der Rittigkeit verstärkte Bedeutung zu: „Die technischen Anforderungen sind heute filigraner, es wird nicht nur so einfach mit Hurra geradeaus geritten.“
Im Alter von fünf bis sechs Jahren stellen sich die Weichen im Pferdeleben. Wer neben dem Feinsinn für die Dressur und der Athletik für das Springen auch Robustheit, Mut, Ausdauer und eine Portion Intelligenz fürs Gelände mitbringt, ist das ideale Vielseitigkeits-Pferd. „Wir wollen keine Pferde, die übersensibel sind und vor jedem Blumentopf erschrecken”, sagen Humme und Meyer: „Sie sollen vor allem ausgeglichen sein.“ Auf gut Deutsch: Pferde mit viel Charakter.
