Rastede - Sie gilt als Königsdisziplin des Pferdesports. Denn in der Vielseitigkeit sind die Reiter in Dressur, Springen und Gelände gefordert. Auch beim Oldenburger Landesturnier (22. bis 27. Juli) sprechen die Veranstalter gerne vom „Herzstück“, wenn es im Rasteder Schlosspark um den pferdesportlichen Dreikampf geht. Gleichzeitig aber steht die Vielseitigkeit, früher Military genannt, heftig in der Kritik, vor allem bei Tierschützern, da in den vergangenen Jahren zahlreiche Pferde – und Reiter – bei der Ausübung des Sports zu Tode kamen. Zuletzt schockierte der schwere Unfall von Benjamin Winter bei den deutschen Meisterschaften in Luhmühlen die Öffentlichkeit. Der 25-Jährige war am 14. Juni beim Geländeritt gestürzt und noch am selben Tag seinen schweren Verletzungen erlegen.
„So schlimm all diese Vorfälle sind, man muss sie dennoch differenziert betrachten“, sagt Jan-Christoph Egerer, Vorsitzender des Renn- und Reitvereins Rastede, kurz vor der 66. Auflage des Oldenburger Landesturniers. Erstmals war auch dort im Vorjahr ein Pferd ums Leben gekommen. Beim Querfeldeinritt brach der Hengst Likoto von Reiterin Merle Wewer (PSV Löhningen-Ehren) zusammen und starb. Als Todesursache gilt ein Aorta-Abriss.
„Der tragische Unfall hatte aber nichts mit der Streckenführung zu tun“, blickt Turnierchef Egerer zurück: „Es war für uns kein Thema, die Vielseitigkeit aus dem Programm zu nehmen, aber wir tun alles, was möglich ist, um das Risiko zu minimieren.“
Aus diesem Grund entschärften die Veranstalter laut Egerer den Gelände-Parcours, der ohnehin als fair und nicht zu anspruchsvoll gilt, und verbesserten die Meldekette, mit der im Fall der Fälle die Rettungskräfte alarmiert werden. „Zudem müssen erstmals alle Reiter bei der Ausschreibung nachweisen, dass sie bereits eine Vielseitigkeitsprüfung mit Platzierung beendeten“, erklärt der Turnierchef. Ein gewisses Maß an Erfahrung soll einer möglichen Überforderung vorbeugen – auf Kosten der Teilnehmerzahl. Nur noch etwa 50 Reiter werden daher in den Klassen A und L starten. „Ein gewisses Risiko lässt sich aber nie ausschließen“, betont Egerer und appelliert an die Verbände, tätig zu werden: „Es ist an der Zeit. In der Formel 1 hat man die Sicherheitsstandards ja auch immer weiter verbessert.“
Ähnlich argumentiert Michael George: „Auch ich stelle die Vielseitigkeit nicht in Frage, aber wir müssen sie sicherer machen“, fordert der Präsident des Oldenburger Reiterverbandes, der selbst in dieser Disziplin ritt.
Im Vergleich zu früher seien die Geländestrecken bereits entschärft worden. Außerdem müssen alle Reiter nun Helm und Genickschutz tragen. Auch über bewegliche Klapphindernisse, wie zuletzt vom ehemaligen Springreiter Paul Schockemöhle gefordert, sollte nachgedacht werden, sagt George: „Wir werden bei unseren Turnieren alles tun und umsetzen, was der Sicherheit dient. Die Unfälle gehen schließlich nicht spurlos an einem vorbei.“
