Warendorf - Der Skandal um Alkoholexzesse, K.o.-Tropfen und sexuelle Übergriffe hat den deutschen Reitsport in seinen Grundfesten erschüttert. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen eine Gruppe junger Kaderreiter aufgenommen. Der viermalige Olympiasieger Ludger Beerbaum (55) forderte ein hartes Durchgreifen.
„Es wurde viel zu lange weggeschaut“, sagte Beerbaum am Sonntag. Es gebe nicht nur einen Schuldigen. „Das fängt bei den Eltern an und führt über die Trainer bis zu den Verantwortlichen im Verband. Alle sind nun gefordert“, sagte der erfolgreichste deutsche Springreiter der letzten 30 Jahre.
Beerbaum hat selbst schon alkoholisierte Jungreiter des Turniergeländes verwiesen. „Wir brauchen klare Regeln und Kontrollen“, sagte Beerbaum. Wer mit zu viel Alkohol erwischt wird, solle vom Turnier ausgeschlossen werden, beim zweiten Mal müssten längere Sperren ausgesprochen werden.
Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete in seiner aktuellen Ausgabe über den Skandal. Junge Springreiter aus dem Nationalkader sollen auf Turnieren Mädchen mit Alkohol und womöglich K.o.-Tropfen gefügig gemacht und sexuell missbraucht haben. Namen wurden nicht genannt.
Die Deutsche Reiterliche Vereinigung FN spricht von Einzelfällen, sieht kein strukturelles Problem. „Es gibt eine Gruppe, die sich teils massiv danebenbenimmt, auch mit Alkohol. Da sind wir sicher. Ich glaube aber, dass es sich hier um eine einzelne Gruppe handelt“, sagte FN-Geschäftsführer Soenke Lauterbach über die Clique der Nachwuchsreiter, die zum Teil noch im Teenager-Alter sind.
Einer der Verdächtigen soll eine junge Frau am Rande eines Reitturniers massiv bedrängt und begrapscht haben. Der Verband habe darauf reagiert und den Verdächtigen wegen sexueller Übergriffe für 18 Monate aus dem Nationalkader verbannt. Der Betroffene bestreitet die Vorwürfe. „Der Reiter ist erstinstanzlich mit einer Wettkampfsperre für alle nationalen und internationalen Turniere belegt worden, obwohl er noch nicht rechtskräftig gesperrt worden ist“, sagte Lauterbach. Die FN schaltete die Staatsanwaltschaft in Münster ein.
Springreit-Bundestrainer Otto Becker werde den beschuldigten Reiter vorerst nicht mehr für Startplätze nominieren, so Lauterbach, der betonte: „Wo wir etwas wissen, werden wir handeln, wir wollen dem ein Ende setzen.“
Wie FN-Justiziarin Constanze Winter darlegte, habe es in der FN in den „letzten Jahren zwei Verfahren nach exzessivem Alkoholgenuss oder sonstigem Fehlverhalten gegeben. Bei einem dieser Fälle steht mögliche sexualisierte Gewalt im Raum. Hier handelt es sich um ein laufendes Verfahren.“ Der betreffende Kader-Reiter sei seit 2017 suspendiert.
Weitere Vorwürfe wurden bei der EM im slowakischen Samorin laut. Dort sollen zwei Reiter im Alkoholrausch ein Hotelbett zerlegt haben. Offenbar gibt es auch Hinweise, dass ein junges Mädchen Opfer von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung geworden sei. Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt.
Reiter, die zu den Weltreiterspielen nach Tryon/USA (11. bis 23. September) reisen, sind von den Vorwürfen nicht betroffen.
