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Pewsumer lebt mit Asperger-Syndrom „Als wäre eine Glasscheibe zwischen mir und der Welt“

Frank Fahr und sein Begleithund Adi. Das Tier hilft ihm, Menschen zu lesen, sagt der Pewsumer.

Frank Fahr und sein Begleithund Adi. Das Tier hilft ihm, Menschen zu lesen, sagt der Pewsumer.

Saathoff

Pewsum - Er war vier Jahre alt, als er seiner Tante ein Schlückchen Kaffee einschenkte. Es war ein Schlückchen, ganz wörtlich. Zur Irritation seiner Tante, die ihn anschließend bat, den Pott voll zu machen. „War auch nicht richtig, dann war nämlich kein Platz mehr für Milch und Zucker.“ Frank Fahr zählt heute 59 Jahre. Als der Pewsumer seine Diagnose erhielt, war er 48 Jahre alt: Asperger-Autismus. Bis zur Diagnose war es ein weiter, schwieriger Weg. Heute hilft er anderen Autisten beim Verstehen, beim Akzeptieren und beim Umgehen mit dem Syndrom.

War schwer im Alltag

„Es war so, als wäre eine Glasscheibe zwischen mir und der Welt“, erzählt Fahr, der heute mit Frau und Hund in Pewsum lebt, zwei Kinder hat. Die metaphorische Glasscheibe setzt sich zusammen aus Mimik, Gestik, aus Sprachbildern, Analogien, sozialen Kontexten. Fahr reduzierte Aussagen auf den Informationsgehalt.

Ein Schlückchen Kaffee war seinem wörtlichen Verständnis nach eben nicht mehr als ein Schlückchen – auch wenn der Absender eher eine zu drei Viertel gefüllte Tasse im Kopf haben mag. Es ist nur eines der Beispiele, mit denen Fahr illustriert, wie er sich in Alltagssituation schwer tat, sozialen Anforderungen gerecht zu werden.

Depressionen / Burnout

Frank FAhr und Asperger

Frank Fahr ist 59 Jahre alt, lebt als Rentner in Pewsum. Vor zehn Jahren ist er nach Ostfriesland gekommen. Hier gründeten er und seine Frau eine Selbsthilfegruppe für Autisten. Er hat zwei Kinder.

Fahr hat als technischer Zeichner, Schlosser, Zeichner und Konstrukteur gearbeitet. Zuletzt war er in einem Berufsbildungswerk tätig und war Mitglied der Prüfungsausschüsse der IHK Hannover und Emden.

Sein Asperger-Syndrom wurde im Mai 2010 an der Medizinischen Hochschule in Hannover diagnostiziert. Asperger ist eine Autismus-Variante, die sich vor allem in sozialer Interaktion und Kommunikation auswirkt. Das Asperger-Syndrom wurde erstmals in den 1920ern in der Psychiatrie debattiert.

Seinen Namen hat das Syndrom vom österreichischen Kinderarzt Hans Asperger, der es 1943 in seiner Habilitationsschrift als „autistische Psychopathie“ bezeichnete.

Bis es nicht mehr ging. Körperlicher Leistungsverlust, Herzrasen, Depressionen, am Schluss Burnout. Ursache vorerst unklar. Über einen TV-Bericht näherte er sich dem Grund an. „Ich hatte das Gefühl, die betroffene Person könne ich sein.“ Es war ein Bericht über das Asperger-Syndrom. Tests an der Medizinischen Hochschule Hannover im Mai 2010 bestätigten den Verdacht und ermöglichten Fahr eine neue Perspektive auf sein bisheriges Leben. „Vorher dachte ich, alle anderen Menschen empfinden genauso wie ich.“

Im Alltag war das schwierig. Menschen im Asperger-Spektrum, wie Fahr es nennt, weil die Eigenarten der Betroffenen unterschiedlich stark ausgeprägt sind, seien sehr gut darin, Verhaltensweisen zu kopieren, um nicht aufzufallen. „Man schaut, wie sprechen andere Männer Frauen an“, gibt Fahr ein Beispiel und probiere es dann genauso. Mit dem Problem, das Menschen Gestiken, Mimiken, Analogien und Co. in ihre Gespräche einbauen. Eine ironische Bemerkung könne so missverstanden, das gehässige Lob eines Vorgesetzten als ehrliches Lob fehlinterpretiert werden.

Eigene Bedürfnisse

Seit seiner Diagnose 2010 tue sich Fahr leichter im Umgang mit anderen Menschen. Er könne Grenzen setzen und sich etwa aus Gruppengesprächen auszuklinken, wenn ihn die Menge an Sinneseindrücken überfordere. „Manchmal stehe ich dann auf und sortiere in der Küche Schubladen, um parallel Ordnung in meinem Kopf zu schaffen.“

Seine Erfahrungen weiterzugeben, um anderen zu helfen, das macht der 59-jährige Rentner heute. Gemeinsam mit seiner Frau rief er den Autismus-Treff Pewsum ins Leben, jeden zweiten Samstag im Monat tauschen sich Betroffene in der Selbsthilfegruppe im Multi-Kulti-Café im Familienzentrum in Pewsum aus.

Er helfe auch Angehörigen, Eltern etwa, warne aber auch vor falsch gewählten Vokabeln, die zu einer übersteigerten Erwartungshaltung führen. Den Begriff Therapie nehme er etwa bewusst nicht in den Mund. „Wenn Eltern möchten, dass ich ihre Kinder ’normal’ mache, dann gibt es da ein Missverständnis.“ Er helfe, gegenseitiges Verständnis zu wecken und stärke Kindern den Rücken, ihre Bedürfnisse zu artikulieren. Mit 52 Familien stehe er so in Kontakt, darunter sind gut 30 Kinder und junge Erwachsene. Die geografische Spannweite reicht von Krummhörn bis Wittmund, von Norden bis Papenburg. Zusätzlich hält er Vorträge, organisieren Infostände. „Um möglichst vielen Betroffenen zu helfen, sich selbst zu verstehen.“

Frank Fahr ist erreichbar über seine Website autismus-ostfriesland.jimdofree.com, sowie telefonisch unter 04923/2180144 oder per E-Mail an 1962aspi@gmail.com.

Peter Saathoff
Peter Saathoff Emder Zeitung
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