Emden - Die Frage, die in Emden Sportbegeisterte geklärt haben wollten, war recht einfach: Wie können wir Menschen, die versehrt aus dem Krieg zurückgekommen sind, wieder in den Sport integrieren? Und die Lösung fanden sie sechs Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges auch. Am 1. Mai 1951 gründete sich in Emden der Versehrtensportverein (VSV), einer der ersten Vereine dieser Art in Niedersachsen überhaupt. Nach 71 Jahren ist jetzt allerdings Schluss.
Peter van Jinnelt war die treibende Kraft damals in Emden. Als Vorsitzender des Vereins, der anfangs 16 Mitglieder zählte, war er bemüht, dass sich mehr „Zivil- und Kriegsbeschädigte“ zum Mitmachen der Turnstunden im VSV finden würden. Auch die Mitglieder forderte er auf, entsprechend Kriegsversehrte anzusprechen und auf den Verein hinzuweisen. Denn die Turnstunden dienten der „körperlichen Ertüchtigung und seelischen Aufrichtung“.
Im Angebot waren einigeSportarten beim VSV
Was es damals hieß, mit nur einem Arm oder einem Bein wieder Sport zu treiben, als es noch lange keine adäquaten Prothesen gab, können sich heute viele nicht mehr vorstellen. Deshalb ging es hauptsächlich ins Wasser, doch auch das Turnen (Boden-Gymnastik) und die Leichtathletik mit ihren Disziplinen kamen dazu. Selbst über Tischtennis wurde nachgedacht.
Integration war die Motivation im Verein. Mit den Jahren erhielt der VSV immer mehr Zuspruch. Und weitete sein Sportangebot aus. Das Ziel, das der Verein mit seiner Arbeit verfolgte – „Sporttherapie vermag wahre Wunder zu vollbringen“ –, hat bis heute nicht an Gültigkeit verloren. Die Mitgliedschaft im Verein war nicht mehr nur auf Versehrte begrenzt.
„Wir haben irgendwann damit angefangen, Kinder mit Handicap zu fördern“, sage die 1. Vorsitzende Gabriele König. „Mit dem Motto ’durch Sport aktivieren und motivieren’ waren wir sehr erfolgreich.“ Viele sind dem Verein beigetreten. 1993 schloss sich der Verein als Behindertensportgemeinschaft (BSG) dem Behindertensportverband Niedersachsen (BSN) und etwas später dem Turnerbund an. Allerdings stellte sich die Bezeichnung als Hemmschwelle für viele Interessierte heraus. Das gab 2003 den Ausschlag, sich in Gemeinschaft für Sport und Gesundheit (GSG) umzubenennen.
Zur Jahrtausendwende waren es 650 Mitglieder
Die GSG war sehr aktiv im Gesundheitssport - von Wirbelsäulengymnastik, Herz-, Lungen- sowie Reha-Sport über Funktionstraining und Präventionssport war alles dabei. Und auch Tischtennissport wurde angeboten. „Anfang der 2000er-Jahre hatte unser Verein 650 Mitglieder.“ Einziger Wermutstropfen: Der Verein war im ganzen Stadtgebiet verteilt, hatte kein eigenes Gelände geschweige denn ein Vereinsheim. „Wir haben den Sport teilweise auch in Gemeindehäusern angeboten.“ In Barenburg war die GSG stark vertreten mit einem breiten Angebot. Dazu präsentierte sich der Verein immer auf Gesundheitsmessen und Präventionsveranstaltungen.
Viele Übungsleiter wurden im Verein ausgebildet, das Interesse dafür schwand allerdings auch mit den Jahren. Einher damit ging das schwindende Angebot. „Als Verein muss man auch zuverlässig etwas anbieten.“ Ohne eine entsprechende Anzahl ausgebildeter Übungsleiter im Gesundheitssport nicht zu schaffen. Viele Mitglieder hörten ganz auf oder wanderten ab. Die Corona-Pandemie hat auch der GSG nicht gutgetan.
Der Vorstand wollte noch nicht die Segel streichen
Zum Schluss zählte der Verein knapp über 230 Mitglieder. 2018 war fast schon Schluss, doch Gabriele König und Naim Jahjic als ihr Stellvertreter wollten noch nicht aufgeben. Vier Jahren haben sie „den Laden am Laufen“ gehalten, doch nun ist Ende August definitiv Schluss. Noch gibt es etwas zu tun. „Wir haben fast alle Außenstände geregelt, die Geräte teilweise gegen eine Spende verkauft und werden, wenn der Verein aufgelöst ist, das restliche Vereinsguthaben an den BSN überweisen.“ So ist es in der Vereinssatzung geregelt.
König selbst schließt sich auch dem ETV an. Jahjic überlegt noch, möchte aber gerade die Judosparte irgendwie weiter führen - nur wo, das ist noch nicht klar. Beide betonen ausdrücklich, dass GSG-Kassenwartin Ute Stomberg nicht nur in der schwierigen Zeit „ein Fels in der Brandung“ ist und war. Und alle drei eint, dass sie traurig sind, dass nach 71 Jahren im Verein nun die „Lichter ausgehen“ - für immer.
