Emden - „12. 47. 40.“ Ein Mikrofon braucht Reza Darbani nicht. Obwohl der Festsaal des Emder Turnvereins (ETV) mit rund 80 Gästen gut besucht ist und eine gewisse Grundlautstärke herrscht, reicht es, wenn er seiner Stimme ein wenig Nachdruck verleiht. Mit gut zwei Metern Körpergröße steht ihm ein beachtlicher Resonanzkörper zur Verfügung. Alle hören ihn. Womöglich auch die Nachbarn gegenüber. Bei geöffneten Fenstern könnte ein Teil der Graf-Ulrich-Straße locker mitspielen – hätte er nur einen Bingo-Schein parat.
Die Bingo-Abende, einst von Reza Darbanis Vater Hassan ins Leben gerufen, sind legendär im Emder Stadtteil Barenburg. Irgendwo zwischen gemütlichem Plausch und Party schlug das Stimmungsbarometer auch schon mal bis zum Anschlag aus. Beim Revival der „Darbani“-Show nach zweieinhalb Jahren coronabedingter Pause geht es etwas ruhiger zu, der Spielleiter muss in den neuen Räumen noch warm werden, nachdem die alte Heimat, das Sportheim in Barenburg, abgerissen wurde. Gleichwohl: ein geselliger, spaßiger Abend ist es allemal.
Freud und Leid
Und der beginnt mit einer traurigen Nachricht. Willi, ein Mitglied von Rezas Bingo-Gemeinde, ist gestorben. „Eine Schweigeminute legen wir aber nicht ein“, sagt Darbani. Stattdessen gibt es eine Runde Kurze. So hätte Willi es gewollt, ist man sich sicher. Darbani, vielen Emdern auch als immer hilfsbereiter Spülwagenfahrer, Rohrreiniger und Kandidat für die Oberbürgermeister-Wahl 2019 bekannt, hat aber auch Freudiges zu verkünden: „Wir erwarten das nächste Bingo-Baby.“ Genau genommen ist es ein regelmäßig die Bingo-Veranstaltungen besuchendes Pärchen, das nun ein Kind bekommt. Sie sind nicht die Ersten, die sich hier kennengelernt haben.
Anklänge an Kirche
Sterbefälle und (bevorstehende) Geburten. Ein wenig erinnert das an Kirche. Und wenn Darbanis Freunde und Bekannte, die hier zusammenkommen, eine Bingo-Gemeinde sind, dann ist er ihr Prediger. Einer mit Entertainer-Qualitäten. Kommt er so richtig in Fahrt, jagt ein Gag den nächsten, trällert er auch schonmal ein Liedchen.
„10. 48. 27.“ Polo-Hemd, Jeans, weiße Sneaker und – sein Markenzeichen – weiße Schweißbänder an den Handgelenken. So kennt man Reza Darbani und so sitzt er nun vorn am Tisch, zieht kleine Nummern aus einem Jute-Säckchen und stellt die Steinchen in eine leere Bifi-Schachtel. Die Schweißbänder könnten glatt eine Reminiszenz an alte Zeiten im Ring sein. Denn auch das war Reza Darbani: ein exzellenter Schwergewichtsboxer und ehemaliger Weser-Ems-Meister.
Manche in Emden sagen über ihn, er habe Fäuste aus Granit – und ein Herz aus Gold. Denn der 46-Jährige gilt als Kümmerer mit großem sozialen Gewissen. Genau wie die Bingo-Abende, hat er dies von seinem Vater Hassan übernommen. Der 2017 verstorbene, ehemalige Leiter des Sportparks galt als „Hüter von Barenburg“. Reza Darbani, inzwischen selbst Familienvater, setzt dieses Erbe fort – egal, ob es darum geht, Menschen am Rande der Gesellschaft zu helfen, ein wenig Herzlichkeit zu spenden oder einen schönen Bingo-Abend zu veranstalten.
„23. 59. 52.“ Schlosser und Heizungsbauer, Immobilienmakler und Grafiker, Selbstständige und Unternehmer, Muckibuden-Besucher mit breiten Kreuzen und starken Oberarmen, Senioren mit weißen Haaren, Mama und Papa mit Sohnemann – Rezas Bingo-Gemeinde bildet einen interessanten Querschnitt durch die Emder Bevölkerung. Ein einziges Ausschluss-Kriterium gibt es für diese Gemeinde: „Man darf nicht missgünstig sein, wenn ein anderer gewinnt“, sagt Darbani. Dann muss man gehen.
Der Zapfhahn glüht
„81. 5. 67.“ Am Freitagabend aber ist niemand missgünstig, im Gegenteil. Es geht ziemlich heiter zu. „Was war das? 45?“, ruft ein breitschultriger Mitspieler an der Theke fragend in den Raum, nur um dann trocken nachzuschieben: „Ach, ist auch egal, hab’ ich eh nicht.“ Andere haben mehr Glück und dürfen sich ihren Preis vorn abholen – und zwei Kurze, die der Gewinner sich mit einem Mitspieler teilen soll, den er noch nicht so gut kennt. Auch so eine Regel.
Verdursten müssen die übrigen Bingo-Gemeinde-Mitglieder aber nicht. Dafür sorgt Olaf Hellwig, der seine Tanzschule während der schlimmen Pandemiejahre in den Festsaal des Turnvereins verlegt hat und dort bei Veranstaltungen den Ausschank übernimmt. Zusammen mit seiner Familie lässt er bis in die Nacht hinein den Zapfhahn glühen. Die Stimmung ist super.
Zwischendurch wird noch ein Sonderpreis vergeben. Darbani nennt ihn „den unheimlichen Karton“. Darin kann alles sein, sagt er. Inhalt diesmal: unter anderem ein Buch über Cannabis.
Teilnehmerkreis wächst
„33. 19. 78.“ Während der „Bingo-Prediger“ weiter Zahlen verkündet, vergeht der Abend wie im Flug. Wie hat das alles eigentlich angefangen? „Mein Vater hat immer Bingo mit seinen Fußball-Mannschaften gespielt“, sagt Reza Darbani. Irgendwann habe er seinen Papa mal vertreten und so erweiterte sich der Kreis der Teilnehmer nach und nach. Die Veranstaltung wurde zur Tradition. Und setzt sich sehr zur Freude der immer größer werdenden Gemeinde bis heute fort.
Irgendwann nach Mitternacht ist an diesem Abend Schluss. Darbanis Stimme hat dem stundenlangen, lauten Zahlenvorlesen erstaunlicherweise standgehalten – auch ohne Mikrofon.
Gesellige Runde: Mit Centstücken markieren die Spieler die vorgelesenen Zahlen auf ihren Bingo-Scheinen.
