Seit zwei Jahren schränkt die Pandemie weite Teile des Lebens jedes Einzelnen ein. Wie empfinden dies junge Menschen? Wir sprachen mit der 18-jährigen Emder Schülerin und ehemaligen SPD-Ratskandidatin Annica Stobbe über das Thema.

Frau Stobbe, zwei Jahre Pandemie – was macht das eigentlich mit einer jungen Frau?

Annica Stobbe Ich denke, dass es jeden Menschen individuell belastet. Selbst merke ich viel psychischen Druck und große Angst, durch eine mögliche Infektion zu viel Unterricht zu verpassen. Ich finde es auch schade, dass ich die Kinder von Mamas Cousine, meine Großeltern und vor allem meine Uroma kaum oder gar nicht besuchen kann. Es macht einen aber auch nachdenklicher, wenn man sieht, wie bestimmte Menschengruppen mit der Pandemie umgehen.

Fühlen Sie und Ihre Freunde sich um einen Teil Ihrer Jugend betrogen?

Stobbe Ich weiß, dass viele meiner Freundinnen und Freunde lieber mehr reisen und Erfahrungen außerhalb Ostfrieslands sammeln würden und auf einen Großteil der Feiern und andere Sozialisationsmöglichkeiten verzichten müssen. Natürlich fühlen sich viele deshalb um einen wichtigen Teil ihrer Jugend beraubt, dennoch ist uns klar, dass es, mit Blick auf die aktuellen Zahlen, so am besten ist.

Wie laufen Kontakte überhaupt ab? Wie trifft man Freunde und lernt neue Leute kennen? Alles virtuell?

Zur Person

Annica Jasmin Stobbe ist 19 Jahre alt und in Emden aufgewachsen. Zur Familie gehört noch ein drei Jahre jüngerer Bruder.

Zur Schule geht sie in Emden auf das Johannes-Althusius-Gymnasium.

Zu ihren Hobbies gehören lesen, Politik, kreatives Schreiben und sie geht gerne spazieren.

Stobbe Abends telefonieren wir oft über Discord im Gruppenchat. Manchmal schauen wir lustige Videos, spielen Spiele oder tauschen uns über Unterrichtsinhalte aus – da hilft jeder jedem. Manchmal besuche ich meinen besten Freund, der auch in meinem Jahrgang ist, oder wir gehen als Gruppe zusammen essen oder draußen spazieren und unterhalten uns dabei. Neue Leute lerne ich kaum kennen, was ich aber auch nicht schlimm finde, da ich mich in einem kleineren Freundeskreis viel wohler fühle.

Hat der eingeschränkte Unterricht Ihre Generation benachteiligt? Sind jetzt schon Wissenslücken offensichtlich?

Stobbe Wir haben natürlich je nach Digitalaffinität der Lehrer Unterricht gehabt, wenn dieser nicht gerade ausgesetzt wurde. Wir hatten zwar viele Aufgaben im Homeschooling, aber hingen natürlich trotzdem weit zurück. Das hat bei uns also arge Lücken hinterlassen. Zwar wurden die Curricula angepasst, aber ich glaube, dass uns für das Studium viel fehlen wird. Ich glaube aber, dass uns die meisten entstandenen Wissenslücken lediglich im Abitur und Studium beeinträchtigen werden.

Sie kandidierten für den Rat und engagieren sich bei Fridays for Future. Konnten Sie überhaupt politisch aktiv sein?

Stobbe Ich trete momentan sowieso kürzer, weil es mir gerade wichtiger ist, meine Zeit in die Vorbereitung auf das Abitur zu investieren. Ich merke aber, dass die Pandemie gerade Fridays für Future sehr blockiert hat, weil wir aus Gründen der Verantwortung erst nicht mehr demonstriert haben und das Netzwerk durch die Inaktivität ein wenig eingeschlafen ist. Durch meine Kandidatur fühle ich mich Emden und meiner Partei näher und auch irgendwie „initiiert“, also Reifeprüfung bestanden. Das bestärkt einen auch irgendwie, weil man sich fragt: „Welches Ergebnis hätte ich ohne Corona schaffen können?“.

Können Sie der Pandemie auch etwas Positives abgewinnen?

Stobbe Eine ganze Menge sogar. Ich habe erst zum „Füllen“ der Tage Routinen entwickelt, die ich auch beibehalten habe. Das hat mich viel organisierter und produktiver gemacht. Auch lese ich pro Monat das doppelte an Büchern und konnte gerade in der schulfreien Phase mein Latein auffrischen, weil mir aus Langeweile nichts Besseres eingefallen ist. Ich merke selbst, dass meine Lebensweise und meine Einstellung sich immer positiver verändern. Ich denke, dass diese Einschränkung von persönlichen Kontakten sehr schön sein kann, wenn man von Natur aus lieber seine Ruhe haben will und wirklich nur noch Zeit mit seinem engsten Kreis verbringt. Besonders glücklich macht mich der Umstand, dass ich gerade in den Ferien sehr viel Zeit zum Schreiben finde.

Jetzt belastet noch zusätzlich der Krieg in der Ukraine. Kann man als junger Mensch überhaupt noch positiv in die Zukunft schauen?

Stobbe Ich mache mir natürlich große Sorgen, wohin das noch führen wird, und vor allem sorge ich mich um die Menschen, die tagtäglich durch den Befehl eines einzelnen Mannes sterben. Zweitrangig fürchtet man sich natürlich auch vor den wirtschaftlichen Folgen, die einen selbst betreffen. Es gibt mir aber große Zuversicht, zu sehen, dass die halbe, wenn nicht sogar nahezu die ganze Welt nun zusammenhält, wenn es hart auf hart kommt. Ich finde, dass man auf dem neu gewonnenen Zusammenhalt aufbauen könnte. Auch bewundere ich die Ukrainer für ihren beeindruckenden und erbitterten Widerstand. Besonders Wolodymyr Selenskyj ist für mich ein großes Vorbild geworden.

Ute Lipperheide
Ute Lipperheide Emder Zeitung