Emden - Es gibt zahlreiche Fotos und Postkarten vom historischen Delft. Doch die Male, an denen in unserer Serie altbekannte Postkarten-Motive abgedruckt werden, lassen sich an einer Hand abzählen. Und das aus gutem Grund, wollen wir der Leserschaft doch unbekannte Ansichten und private Schnappschüsse präsentieren. Die Bilder, die heute vom Delft gezeigt werden, sind solche Raritäten, die vor allem durch ihre Geschichte interessant werden. Die idyllische Zeichnung vom Delft ist von 1946 und wurde von einer langjährigen Leserin eingereicht. Gezeigt wird das Ostufer des Ratsdelfts, das bis zur Zerstörung im Kriegsjahr 1944 noch bebaut war. Die Emderin, die gerne ungenannt bleiben möchte, berichtet dazu: „Das Bild bedeutet mir viel, weil ich es von meinem Vater bekommen habe. Er schenkte es mir 1946 zu meiner Konfirmation, die wegen der Zerstörung der Neuen Kirche von Pastor Brunzema in der heil gebliebenen Baptistenkirche gefeiert worden ist. Mein Vater war Postbeamter und erhielt das Bild von seinem Kollegen Inspektor Wolf, dessen Schwiegersohn de Boer hieß und künstlerisch aktiv war.“ Wer der Künstler de Boer war und ob er noch ähnliche Motive hinterlassen hat, war nicht herauszufinden. Bloß, dass der Zeichner in der Petkumer Landstraße gewohnt haben soll.

Sehr wahrscheinlich ist, dass de Boer in der tristen Nachkriegszeit sich nach dem schönen Alt-Emden sehnte. Detailreich zeichnete er ganz links die alte Polizeiwache, daneben das Traditionshaus „Goldener Adler“ mit dem reich verzierten hölzernen „Wasser-Balkon“ und das Geschäftshaus des Papierhändlers Wilken. Wie originalgetreu er gezeichnet hat, ist deutlich an dem Foto zu erkennen, das wenige Jahre zuvor aus Richtung der Delfttreppe aufgenommen worden ist. Dort ist der kunstvolle Balkon, der wie ein Schwalbennest über dem Ratsdelft hängt, deutlich zu erkennen.

Die prächtige Häuserzeile wurde nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut. Stattdessen – der Fortschritt wollte es so – verbreiterte man die Straße vor dem Rathaus.

Die Zeichnung des Künstlers de Boer hat bei der EZ-Leserin jedenfalls schon immer einen Ehrenplatz. Sie hängt im Flur und fällt jedem Besucher sofort ins Auge.