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Kolumne „Die Woche ist um“ Wo beginnen die Niederlande? Eine Grenze, die gar keine ist


Klaus Fackert, ehemaliger Chefredakteur der Emder Zeitung und seit 2015 im Ruhestand, schreibt seine Kolumne „Die Woche ist um“ seit 39 Jahren jeweils zum Wochenende.
privat

Klaus Fackert, ehemaliger Chefredakteur der Emder Zeitung und seit 2015 im Ruhestand, schreibt seine Kolumne „Die Woche ist um“ seit 39 Jahren jeweils zum Wochenende.

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Emden - Wenn ich an die Knock fahre, kommt plötzlich eine SMS von der Telekom: „Herzlich willkommen in den Niederlanden.“ Anscheinend kriegten einige Mobilfunkmanager noch nicht mit, dass der napoleonische Anschluss Ostfrieslands an das benachbarte Königreich mittlerweile rückgängig gemacht wurde. Die Telekom schickt ihren Kunden jedenfalls niederländische Willkommensgrüße aufs Handy, obwohl man am Rysumer Nacken hundertprozentig auf bundesrepublikanischem Boden die frische Nordseebrise genießt. Vielleicht wartet der Telefonanbieter noch auf eine WhatsApp-Nachricht von Napoleon. Und womöglich glauben einige Touristen wirklich, was ihnen das Smartphone vorgaukelt: „Wir sind in Holland!“ Sie schauen dann über die Ems nach Delfzijl und konstatieren mit Kennerblick: „Guck mal, da drüben ist die Stadt Gouda, wo der leckere Käse herkommt!“

Nicht behaupten, es seien überall Dösbaddel unterwegs

Aber ich will beileibe nicht behaupten, es seien überall Dösbaddel unterwegs. Auch bei der Telekom ist das nicht der Fall. Im übrigen gibt es tatsächlich seit ewigen Zeiten gewisse Irritationen über den deutsch-niederländischen Grenzverlauf, das ist nicht mal an den Haaren herbeigezogen. Die Grenze im Emsmündungsbereich ist nämlich zwischenstaatlich nicht eindeutig definiert. Während die Niederländer sie etwa in der Mitte des Stroms verorten, vertritt Deutschland die Rechtsauffassung, dass sie direkt an der niederländischen Küstenlinie verläuft. Man einigte sich deshalb salomonisch darauf, die Dinge ohne offizielle Grenzfestlegung im Wege guter Nachbarschaft zu regeln. Besprochen wird dies seit Jahrzehnten in der Emskommission.

Umweltschützer schlugen Daueralarm

Dass dies nicht immer völlig reibungslos läuft, zeigte sich in den Siebziger- und Achtzigerjahren, als Emden vom Mammutprojekt Dollarthafen einen gigantischen wirtschaftlichen Aufschwung erhoffte. Ein fast zehn Kilometer langes Hafenbecken sollte vom Emder Außenhafen bis zur Knock entstehen, was natürlich auch niederländische Belange tangierte. Vor allem Umweltschützer schlugen Daueralarm. Die ökologischen Vorbehalte dienten der königlichen Regierung in Den Haag als willkommene Argumentationshilfe, wobei im Hintergrund vor allem knallharte Wirtschaftsinteressen gegen einen starken Emder Hafenstandort standen. 1984 wurden nochmals Hoffnungen auf eine Realisierung der hochfliegenden Pläne geweckt, als der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und sein niederländischer Amtskollege im Emder Rathaus den Ems-Dollart-Kooperationsvertrag unterzeichneten. Ich war damals dabei und fragte Genscher, ob er tatsächlich Chancen für den Dollarthafen sehe. Er antwortete in seiner diplomatisch ausweichenden Art, man werde das Thema in bilateralen Gesprächen weiter verfolgen. Nun ja, was man als Politiker so sagt, wenn man eigentlich schon nicht mehr an die Pläne glaubt.

1988 wurde der Dollarthafen zu Grabe getragen

1988 wurde der Dollarthafen zu Grabe getragen, bevor auch nur ein erster Spatenstich erfolgt war. Es gab danach noch Ersatzpläne für einen Vorhafen an der Knock, die ebenfalls platzten. Als Trostpflaster bekam Emden die Emspier neben der Westmole, eine Grundsanierung der Großen Seeschleuse und einen aufgemöbelten Borkumkai.

Im Zuge der Deicherhöhungen entstand am tideabhängigen Emsbett eine fahrradtaugliche Befestigung. Dort, wo heute eigentlich geschäftiger Betrieb an den Kaianlagen des Dollarthafens herrschen sollte, kann man nun wunderbar im Slalom durch die Schafsköttel zur Knock radeln. Der Blick schweift über die imaginäre Grenze zwischen dem Königreich der Niederlande und der Bundesrepublik Deutschland. Am Knockster Schöpfwerk erwarten einen schon die Statuen des Großen Kurfürsten und des Preußenkönigs Friedrich. Und dann piept plötzlich das Smartphone in der Jackentasche: „Willkommen in den Niederlanden!“ Im Grunde fehlt hier nur noch ein Sockel mit Kaiser Napoleon.

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