Emden - Gas, Strom, Lebensmittel, Miete – die Preise und damit die Lebenshaltungskosten kennen derzeit nur noch eine Richtung: nach oben. Für viele Emder wird das womöglich über kurz oder lang böse Folgen haben, selbst für die, die bislang noch ganz gut über die Runden gekommen sind. Besonders dramatisch aber könnte es für diejenigen werden, die sich schon jetzt hart an der Grenze des Machbaren bewegen. Bei weiter steigenden Preisen droht ihnen womöglich das Abrutschen in Hartz IV.
„Ich mache mir wirklich große Sorgen um die, die bislang gerade noch so klargekommen sind“, sagt Emdens Erster Stadtrat und Kämmerer, Horst Jahnke. Er schaut dabei nicht zuletzt auf Rentner und Rentnerinnen, die nun plötzlich vor der Frage stehen, ob sie Hilfe vom Staat in Anspruch nehmen müssen – vielleicht sogar zum ersten Mal in ihrem Leben. „Das ist für viele sicher ein ganz schwerer Schritt.“ Deshalb geht er auch von einer hohen Dunkelziffer aus, nicht jeder wird den Staat um Hilfe bitten wollen. „Da spielt Scham eine große Rolle“, vermutet Jahnke.
Spürbarer Anstieg
Oder diejenigen, die zwar einen festen Job haben, deren Einkommen nun plötzlich nicht mehr ausreicht. Auch ihnen droht der Gang zum Jobcenter. Nach Informationen dieser Redaktion gibt es in Emden bereits einen regelrechten Ansturm auf die einschlägigen Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände. Der Geschäftsführer des Jobcenters, Bernd Leiß, zuständig für die Auszahlung der Grundsicherung („Hartz IV“), befürchtet jedenfalls einen spürbaren Anstieg der Anträge. Wie hoch der sein wird, hänge allerdings von den geplanten Hilfsmaßnahmen des Bundes ab, der den Bürgern unter anderem mit dem neuen „Bürgergeld“ und weiteren Hilfen („Gaspreisbremse“) beispringen will. „Es kann auch sein, dass jemand nur für einige Wochen Leistungen beantragt, weil er die hohe Gas- und Stromrechnung nicht bezahlen kann“, so Leiß. Die Einzelschicksale sind vielfältig.
„Sozialer Frieden“
Wie viele Menschen in Emden künftig auf die staatliche Grundsicherung angewiesen sein werden, weiß also bislang niemand. Bislang sind rund 3700 Leistungsbezieher nach dem Sozialgesetzbuch II (Hartz IV) registriert, dahinter stehen allerdings mindestens dreimal so viele Familienmitglieder. Auch das ist Grund genug, dass sich der Emder Kämmerer „Sorgen um den sozialen Frieden in der Stadt“ macht. Was immer das letztlich bedeuten könnte.
Zuerst geprüft
Viele unterstützende Hilfen laufen über die Stadt. Selbst hier weiß man nicht, was da auf die Verwaltung tatsächlich zurollt. „Ganz oben wird das Wohngeld stehen“, wie der zuständige Stadtrat für Soziales, Volker Grendel, sagt. Das ist in der Regel die erste Hilfe. In der zuständigen Wohngeldstelle stellt man sich bereits auf dreimal so viele Anträge ein und stockt schon mal das Personal auf (wir berichteten). Denn der Anspruch auf Wohngeld wird zuerst geprüft. Fällt er negativ aus, geht es nicht selten weiter zum Jobcenter. Fällt er positiv aus, kann es für den einen oder anderen wieder reichen, um auf den Weg zum Jobcenter vorerst zu verzichten.
Nicht rückwirkend
„Alle Sicherungssysteme hängen eng zusammen“, betont Grendel. Ihm ist bewusst, dass die Menschen enorm unter Druck stehen und er will die Bearbeitungszeiten so kurz wie möglich halten. Ob das gelingt, kann derzeit niemand sagen. 18 Tage dauert im Schnitt die Bearbeitung eines Wohngeldantrages. Künftig wird das wohl deutlich länger dauern. Gleichzeitig appelliert er: „Man sollte nicht erst kommen, wenn sich die Schulden angehäuft haben“, so Grendel. Rückwirkend werde keine Hilfe ausgezahlt. „Und schämen sollte sich wirklich niemand“, betont Stadtrat Jahnke.
