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Serie „Ehrenamt“ in Emden Die Aufgabe ist noch längst nicht erledigt

Stephanie Schuurman
Haben schon an jeder Ecke in Emden Stolpersteine verlegt wie hier am Kino: Renate Skoruppa und Edda Melles.

Haben schon an jeder Ecke in Emden Stolpersteine verlegt wie hier am Kino: Renate Skoruppa und Edda Melles.

Stephanie Schuurman

Emden - Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht: Es braucht mehr ehrenamtliches Engagement als je zuvor. Sei es bei der Fürsorge für ältere Menschen in häuslicher Quarantäne, ob bei der Nachhilfe von Schülern, in der Altenpflege, Flüchtlingshilfe oder in vielen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens – ohne die Freiwilligen, die mit ihrem Wirken etwas für die Gesellschaft tun, wäre für viele die Lebensqualität geringer. In unserer Serie „Ehrenamt“ stellen wir einige dieser Menschen vor. Heute der Arbeitskreis Stolpersteine Emden, vertreten durch Edda Melles und Renate Skoruppa.

Noch mindestens 200

16 mal haben sie es schon getan. Gemeinsam mit dem Aktionskünstler Gunter Demnig verlegten sie nach seiner Idee Stolpersteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern, ganz gezielt an die letzten Adressen ermordeter Emder Juden und an die politisch Verfolgten in Emden. Insgesamt 382 mit Messing überzogene und mit Inschriften versehene Stolpersteine sind bisher quer durch die Stadt ins Pflaster eingegraben. Doch es sind gerade erst etwas mehr als die Hälfte, mindestens 200 werden noch folgen müssen, wie Edda Melles und Renate Skoruppa schätzen. Beide sind Gründungsmitglieder des Arbeitskreises Stolpersteine. Die beiden Frauen werden Ende des Jahres altersbedingt aufhören, so sie denn eine Nachfolge für ihre ehrenamtliche Arbeit gefunden haben.

Fest steht, es ist keine Aufgabe für nebenher, wie Renate Skoruppa sagt. „Wir suchen fitte Rentner mit persönlichem Engagement.“ So haben die beiden vor gut zehn Jahren auch gestartet. Über Edda Melles, heute 73 Jahre, drang die Idee des Künstlers in die Emder Politik. Renate Skoruppa (76), kannte die Aktionskunst Demnigs schon aus Osnabrück und warb für eine Ausweitung auch nach Emden. Es entstand ein bunter Kreis verschiedener Unterstützer aus Parteien, Gewerkschaften, der Kirche und sonstigen Interessierten. Schließlich bekam die Stadtverwaltung aus dem Rat heraus den Auftrag, die Umsetzung zu unterstützen.

Die Ratsmedaille

Eingebunden wurde auf Vorschlag des Verwaltungsvorstands das Stadtarchiv, die Max-Windmüller-Gesellschaft, die Ubbo-Emmius-Gesellschaft und letztlich auch der Bau- und Entsorgungsbetrieb Emden (BEE), der ganz praktisch bei der Verlegung hilft. Der Arbeitskreis gründete sich schließlich am 7. März 2012, bekam regelmäßig den Ratssaal für Sitzungen. Doch wirklich offene Türen rannten die beiden Frauen und andere Arbeitskreis-Mitglieder nie mit ihrem Stolperstein-Anliegen ein, wie sie sagen. „Es ist ein bisschen wie gebremster Schaum“, so Skoruppa. Und selbst die 2019 zuerkannte Ratsmedaille änderte daran nichts. Sie hängt im Verborgenen im Stadtarchiv. Denn auch heute stoßen sie nach ihren Angaben bei der Verwaltungsspitze auf Ressentiments, die mit dem Urheber zu tun haben.

„Wir hören immer wieder Kritik, Gunter Demnig würde Geld mit den Steinen verdienen“, sagte Skoruppa. „Das stimmt einfach nicht.“ Die Finanzierung sei über Stiftung und Spenden abgesichert, nur die reinen Herstellungskosten der Steine würden berechnet. Gewinn erziele damit niemand. Skoruppa kritisiert dagegen, dass das Projekt generell nicht als Kunstprojekt erkannt werde. Und dass Emden nur Teil eines Gesamtprojektes ist, das dann tatsächlich Demnigs Verdienst sei. „Man kann ja darüber diskutieren, ob die Form des Gedenkens gut ist oder nicht“, sagte Skoruppa, „Demnig will aber das Gedenken in die Köpfe der Bevölkerung verankern, zentral in die der Jugend.“

Recherche

Die ist tatsächlich vielfach eingebunden. Etwa bei den Verlegungen, bei denen Schüler des „Max“, der IGS, der Herrentorschule oder der BBS II Biografien der Opfer verlesen, über die nunmehr jeder stolpern kann. Lebensgeschichten, die eine kleine aktive Gruppe des Arbeitskreises zunächst recherchiert und erarbeitet. Für die jüdischen Opfer machen das Traute Hildebrandt, Edda Melles und Dr. Rolf Uphoff – bis zu ihrem Tod auch Gesine Janssen. Mit den politischen Opfern beschäftigen sich Hans-Gerd Wendt, Johanna Adickes, Günter Kruse und Sonja Ryll.

Und dann gibt es noch die vielen Putz-Gruppen, die die Messing-Plaketten der Stolpersteine pflegen. Familien, Anlieger, Privat-Leute – Edda Melles hat inzwischen sogar eine Warteliste von potenziellen Putzern, weil noch gar nicht genug Steine verlegt sind.

Nachfolge-Suche

Ihr beider größter Wunsch ist nun bis zur nächsten Verlegeaktion im Herbst Menschen zu finden, die auch bei der Organisation helfen, Spenden und Finanzen verwalten, Inschriften mit dem Demnig-Büro absprechen, Einladungen verfassen und mehr – all das ist nämlich Arbeit der beiden Frauen und des Arbeitskreises, dessen Aufgabe eben noch längst nicht erledigt ist. Möglicherweise könnte auch die Verwaltung der Stadt unterstützen wie in anderen Städten. Das wäre dann eine echte Anerkennung des der besonderen Erinnerungsarbeit.

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