Kein ruhiges Fahrwasser in Sicht: Auch 2022 war ein Jahr, in dem Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff keinen normalen Kurs setzen konnte. Pandemie und Krieg prägen bisher seine Amtszeit. Ein Interview mit Aus- und Rückblick.

Herr Kruithoff, was war beeindruckend für Sie in diesem Jahr?

Tim KruithoffSehr berührt hat mich der zehnte Jahrestag des für mich bis heute unfassbaren Mordes an Lena, und ich bin dankbar, dass wir den Wunsch der Familie nach einem Gedenkort auf dem Burgplatz erfüllen konnten. Ein sehr emotionaler Moment war auch der Besuch der französischen Delegation aus St. Désir und die gemeinsame Beschäftigung mit dem Schicksal der französischen Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges bei uns in Emden.

Worüber haben Sie sich gefreut?

Kruithoff Über den Produktionsstart des ID.4 des Volkswagenwerkes Emden – eine unglaubliche Transformationsleistung in nur zwei Jahren. Glückwunsch an das ganze VW-Team! Gefreut habe ich mich natürlich auch über die Ansiedlung des Elektrolyseurs (Wasserstoffproduktion; Anm. d. Red.) von EWE und die – leider zunächst nur – mündliche Förderzusage für die Zentralklinik.

Was hat weniger gut funktioniert?

Kruithoff Absolut unzufriedenstellend ist die Entwicklung bei den großen Baustellen. Bauen hat 2022 keinen Spaß gemacht, weil, wie beispielsweise im Trog, das Vorgefundene nicht mit den Plänen übereingestimmt hat und damit die beauftragten Firmen damit an die Grenzen deutscher Ingenieurskunst gekommen sind. Ohne Vergnügen waren aber auch das Freibad und das Festspielhaus aufgrund von Fachkräftemangel, Materialknappheit und Preissteigerungen.

Was lief besonders gut?

KruithoffEin Ausdruck, den ich nicht oft benutze, aber es hier ganz bewusst tue: Ich bin stolz auf meine Mitarbeitenden, ganz gleich an welcher Stelle, dass es uns miteinander gelungen ist, sowohl die Pandemie als auch die Folgen des Angriffskrieges so gut in Emden zu meistern. Und dabei ist es uns auch noch gelungen, an zukunftsfähigen Strukturen zu arbeiten – unter anderem im Ausbau der Kindertagesstätten, in der Digitalisierung, in Sachen Klinik.

Zur Person

Tim Kruithoff ist 45 Jahre alt und wuchs, gemeinsam mit einem jüngeren Bruder, im Stadtteil Borssum auf. Er ist unverheiratet und hat keine Kinder.

Nach der mittleren Reife und einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann und Zivildienst schloss sich eine Ausbildung zum Sparkassenkaufmann an. Nachdem er seine Fachhochschulreife in einer Abendschule erworben hatte, absolvierte er ein Fachhochschulstudium der Betriebswirtschaftslehre mit einem Auslandssemester in Groningen. Während er als Unternehmensberater arbeitete, absolvierte er ein berufsbegleitendes Masterstudium „Management of Financial Institutions“ an der Hochschule der Sparkassen-Finanzgruppe in Bonn, mit einem Auslandssemester in den USA.

Kruithoff arbeitete in verschiedenen Unternehmen der Sparkassen-Finanzgruppe, zuletzt als Vorstandsvertreter und Abteilungsleiter Firmenkunden der Sparkasse Emden, bevor er am 10. Januar 2019 seine Kandidatur als Parteiloser für das Amt des Oberbürgermeisters bekanntgab. Am 8. September 2019 wurde er mit 75,4 Prozent der abgegebenen Stimmen zum Oberbürgermeister gewählt.

Was hat Sie deprimiert?

KruithoffDeprimiert und sehr traurig gemacht haben mich der tödliche Unfall am letzten Tag der Emder Matjestage und natürlich die Aggression Russlands gegen die Ukraine mit all ihren Konsequenzen. Hätten Sie mir beispielsweise vor meinem Amtsantritt im Oktober 2019 erzählt, ich würde einmal die Städtepartnerschaft mit Archangelsk „auf Eis legen“ – ich hätte es für ausgeschlossen gehalten.

Wo besteht Handlungsbedarf?

KruithoffWir müssen an unserer Umsetzungsgeschwindigkeit arbeiten. Dafür gilt es wahrscheinlich, auch nochmal intensiver zu priorisieren. Die Projekte, die wir angestoßen haben – wie die Verkehrsversuche – müssen zu einer Entscheidung kommen, und die Vorhaben, die umsetzungsreif oder in Umsetzung sind, müssen sichtbar abgeschlossen werden. Ich nenne die Trogstrecke, das Freibad Borssum, das Festspielhaus, die Parkraumbewirtschaftung, die Sanierung „Zwischen Beiden Sielen“, Apollo, Waage und vieles mehr.

Was macht Ihnen Mut?

KruithoffIch persönlich bin davon überzeugt, dass Emden gute Jahre bevorstehen. Wir haben tolle Projekte auf der Agenda, große wirtschaftliche Chancen aufgrund der Energiewende, und wir sind gut aufgestellt. Jetzt fehlt noch etwas Fortune.

Was muss in diesem Jahr noch unbedingt erledigt werden?

KruithoffFertig ist man als Oberbürgermeister nie, man könnte immer noch mehr machen. Am 23. besuche ich noch das Emder Weihnachtsschiff „Lady Menna“, und am Heiligen Abend die Blaulichtorganisationen, um ihren herausragenden Einsatz zu würdigen und mich bei ihnen für die Arbeit über die Feiertage zu bedanken. Der Dank gilt natürlich für alle, die an den Feiertagen arbeiten. Dann soll es erstmal gut sein und meine Aufmerksamkeit widmet sich zwei Kuchen, die ich noch für den Familienbesuch zu backen habe.

Und was steht gleich zum Jahresbeginn an?

KruithoffDann geht es sofort mit dem Neujahrsempfang los. Es gilt, die Leitlinien für meine Politik vorzustellen und einen Ausblick auf das Jahr 2023 zu geben. Nahtlos schließt sich dann die Fleißarbeit zu den genannten Projekten an. Es wird nicht langweilig werden.

Auf was hätten Sie in diesem Jahr lieber verzichtet?

KruithoffAuf den Krieg und die Folgen.

Und was hat Sie enttäuscht?

KruithoffDer schnelle Rückzug der Kaffeerösterei Baum aus Emden. Da habe ich mehr erwartet und mich damit scheinbar getäuscht.

Welchen Wunsch für 2023 würden Sie für die Emder formulieren?

KruithoffIch arbeite – ganz platt gesagt – dafür, dass es allen Menschen in unserer Stadt gutgeht. Und das ist es, was ich mir für die Menschen, die in unseren Mauern ihre Heimat haben, wünsche: Es möge allen gutgehen.

Und ganz privat?

KruithoffNach drei Jahren „Dauerkrise“ muss ich für mich schauen, dass ich wieder in eine gesündere Balance komme – mehr Sport wäre gut. Ab und zu mal eine kurze Auszeit – Energie nachtanken. Dafür war wenig Raum in letzter Zeit. Ich kann aber trotzdem sagen, ich bereue keine Sekunde, und das Amt macht mir weiterhin sehr große Freude.

Ute Lipperheide
Ute Lipperheide Emder Zeitung