Emden - Die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine kommen in Emden derzeit durch die Hintertür. Auf einem Schotterweg hinter der Nordseehalle, gleich hinter einem großen Toilettenwagen und allerlei Gerätschaft, halten die Busse, die die Menschen aus den niedersächsischen Erstaufnahmestellen in Hannover-Laatzen, Bad Fallingbostel oder Fürstenau nach Emden bringen. Dann geht es durch eine schwere weiße Tür in die Halle, in der vor gar nicht so langer Zeit noch Menschen gelacht, gesungen und getanzt haben. Jetzt stehen hier hinter einem provisorischen Sichtschutz sieben Zelte, sechs mal sechs Meter groß, ausgestattet mit jeweils acht Feldbetten, acht Schlafsäcken, acht Decken und ein paar Steckdosen – die Grundausstattung der Behelfsunterkunft, in der die geflüchteten Menschen die nächsten Wochen verbringen werden. Und es ist seltsam still hier, nur ein paar Kinderstimmen sind aus einer Ecke zu hören, in der ein bisschen Spielzeug herumliegt.
Ein bisschen Privatspähre
„Hier können unsere Gäste erstmal runterkommen“, sagt Stephan Oelrichs und zeigt auf eines der noch leeren Zelte. Der 36-Jährige spricht von „Gästen“ und ist damit so etwas wie der Gastgeber der Ukrainer. Eigentlich arbeitet er in der städtischen Jugendhilfe, doch seit Beginn der Krise ist er abgeordnet als Leiter der Gemeinschaftsunterkunft – erst in der Barenburgschule, jetzt in der Nordseehalle. Und dort werden in den nächsten Wochen bis zu 300 Flüchtlinge unterkommen müssen. Dann werden über die gesamte Halle verteilt 25 Zelte stehen, die für ein bisschen Privatsphäre sorgen sollen. Das ist schwer genug. Wer die Nordseehalle kennt, kann sich das denken. Dort zu leben und zu schlafen kann sich dagegen wohl kaum jemand vorstellen.
Keiner weiß es
Die Stadt hat inzwischen rund 900 Menschen aufgenommen, deren Zuhause in der Ukraine entweder zu gefährlich oder zerstört worden ist. Bis vor wenigen Wochen ist es den Verantwortlichen in der Verwaltung noch gelungen, viele Ukrainer in Wohnungen oder Häusern unterzubringen. Das ist jetzt vorbei, der Wohnungsmarkt gibt kaum noch etwas her. Damit ist auch das Konzept der dezentralen Unterbringung erst einmal vom Tisch. Und so füllen sich die Notunterkünfte in der Barenburgschule und seit wenigen Tagen nun auch in der Nordseehalle. Derzeit leben 50 Menschen in der Veranstaltungshalle. In der nächsten Woche kommen die nächsten 25, vielleicht sind es auch wieder 50. Keiner weiß es. „Wir laufen voll“, sagt die zuständige Leiterin des Fachbereichs Gesundheit und Soziales, Kerstin Snakker. Dennoch werde man alles tun, auch diese Herausforderung zu bewältigen, sagt sie tapfer.
Mit allen Konsequenzen
Was das genau bedeutet, weiß derzeit offenbar niemand. Das Land schickt jede Woche einen Bus nach Emden – oder auch mal zwei. Stephan Oelrichs erfährt das zwei, drei Tage vorher. Im Idealfall. Dann bekommt er eine Liste mit Namen und Geburtsdatum, mit der er dann weiter arbeiten kann. Auch mögliche Erkrankungen oder Verletzungen werden manchmal vermerkt. Der Corona-Test ist sowieso obligatorisch. Fällt er positiv aus, stehen Quarantäne-Betten in der Barenburgschule bereit. Sofort notwendige Arztbesuche hat es auch schon gegeben. Das alles muss innerhalb kürzester Zeit vorbereitet werden, möglichst noch bevor der Flüchtling in Emden ist.
Die Last fällt ab
Die zuletzt gültige Aufnahmequote ist längst erreicht, aber der von Russland angezettelte Krieg nimmt darauf keine Rücksicht. „Wir haben auch keinen Einfluss auf die Zuweisung“, sagt Kerstin Snakker. Das Land hat den Kommunen schon angekündigt, dass die Aufnahmequote erhöht werden muss. Die Stadt müsse halt reagieren, sagt Kerstin Snakker. Es ist auch längst nicht mehr ausgeschlossen, dass als Nächstes die Turnhalle der Berufsbildenden Schulen zum Wohnquartier umgewidmet werden muss – mit allen Konsequenzen für den Schul- und Sportbetrieb. Noch ist alles offen.
Die Ankunft der Flüchtlinge in Emden bezeichnet Stephan Oelrichs gern als „Tag 0“. Soll heißen: ankommen, Zelt beziehen, das oft nur kleine Gepäck verstauen, ausruhen. „Man sieht es vielen Gästen an, dass dann eine Last von ihnen abfällt.“ Er versucht, die Belegung der Zelte und Betten so harmonisch wie möglich zu organisieren: Mütter mit Kindern, die Oma mit einem Enkel, die Tante mit ihren Neffen. So weit es eben geht.
„Tag 1“ in Emden
„Tag 1“ ist der Registrierung durch die Ausländerbehörde gewidmet. Zwei Mitarbeiter sitzen hinter ihren Rechnern, dort, wo sich sonst Künstler schminken und auf ihren Auftritt vorbereiteten. Keine zehn Minuten braucht der Amtsschimmel inzwischen, um das Wichtigste für die notwendigen Papiere aufzunehmen. Vorbereitung ist alles, sagt ein Mitarbeiter und dreht sich wieder zu einer Frau vor ihm, die ihm ihren ukrainischen Pass hinhält. Die Abläufe sind eingeübt. Nachdem auch noch zwei Fingerabdrücke im System gelandet sind, ist der erste Schritt getan.
„Tag 2“ gehört anschließend dem Jobcenter, das sich ebenfalls vor Ort eingerichtet hat. Hier geht es zunächst um finanzielle Hilfe, irgendwann mal um Deutschkurse, Qualifizierungsmaßnahmen oder gar um einen Job. Aber das kommt später. „Ganz wichtig ist, ein Konto zu haben“, sagt Stephan Oelrichs. Das ist dann die erste Aufgabe der Flüchtlinge, die mit allerlei Informationen auf den Weg geschickt werden. Parallel laufen auch erste Schuluntersuchungen für die Kinder. Auch dafür ist gesorgt in der Nordseehalle.
Endlich sicher
Eine ältere Frau mit einem Handstock schlurft vor der Halle gerade in ihren viel zu großen Badelatschen zum Toiletten-Wagen. Andere warten mit Papieren in der Hand in den engen Gängen der Nordseehalle auf ein Gespräch mit Behördenvertretern. Dolmetscher, ohne die hier nur wenig geht, von denen es aber längst zu wenige gibt, springen von einem Büro in das andere. Dennoch geht alles sehr ruhig über die Bühne. „Wir profitieren von den Erfahrungen der letzten Monate und auch von der Flüchtlingskrise 20215/16“, sagt Oelrichs. Er ist der Meinung, dass hier alles getan wird, um den Menschen zu helfen. Er weiß aber auch, dass die Nordseehalle kein Ort für heimische Gefühle ist. Im Gegenteil. „Aber für die meisten Gäste ist es wichtig, dass sie endlich sicher sind und sie das Gefühl haben, dass ihnen geholfen wird.“
Das normale Leben
Und in der Halle? Hier ist es weiterhin auffallend still. Die Menschen blicken nur kurz zu den Besuchern auf, gehen dann wieder ihrer Wege oder sitzen an auf den Holzbänken und trinken einen Kaffee. Gleich kommt das Mittagsessen. Vor der Halle schwappt das Lachen und Schreien vom Schulhof der benachbarten Früchteburgschule herüber, im nahen Sielweg fahren die älteren Schüler mit ihren teuren Fahrrädern vorbei. Das normale Leben geht weiter.
