Emden - Wegen einer Verletzung an der Hand auf der „Erika Schulte“ musterte ich in Rotterdam ab und fuhr mit dem Zug nach Emden, wo ich einen Arzt aufsuchte. Als Koch hatte ich mich an Bord am Küchenherd verbrannt. Die Genesung dauerte einige Zeit, doch als meine Hand wieder einsatzbereit war, geriet ich durch einen Zufall an die Reederei Wessels in Emden. Gerne erinnere ich mich heute noch daran, wie ich mit dem damaligen, freundlichen Firmenchef, Johann Wessels, bei Ostfriesentee und Kluntje im Büro der Reederei saß und er mich fragte, ob ich als Urlaubsvertretung „mal eben“ eine Reise von Kiel nach Ipswich an der südöstlichen Küste Großbritanniens und zurück machen würde. Sein Koch sei krank geworden.
Küstenmotorschiff
Das Schiff war ein Küstenmotorschiff – kurz Kümo – namens „Hillerdine Wessels“, ein sogenannter 499er. Das Lohnangebot war überraschend gut. Dass Emden, und gerade diese alteingesessene Reederei Hafenschlepper hatte, wusste ich, dass aber auch Kümos und sogar zwei Hochseeschlepper dazugehörten, war mir völlig neu.
Ernst Richter ist 1939 im Erzgebirge geboren.
Er fuhr für verschiedene Reedereien unter anderem als Schiffskoch auf großer Fahrt und im Fährverkehr der AG Ems.
Richter ist Mitgründer des Emder Museums „Freunde der Seefahrt“.
So fuhr ich am 13. Januar 1969 nach Kiel und musterte in Holtenau auf der „Hillerdine Wessels“ an. Ich hätte damals nicht geglaubt, dass aus dieser geplanten Urlaubsvertretung einmal vier Jahre Dienst als Koch bei der Emder Bugsier -und Bergungsreederei Wessels werden würden. Das Schiff war klein und jeder Stauplatz wurde genutzt. Nach kurzer Zeit hatte ich einen guten Draht zur Besatzung. Das Schiff hatte in Kotka/Finnland Telegrafenmasten für Ipswich für die englische Stromversorgung geladen. Es war eine ruhige Überfahrt. Meine bescheidenen Kochkünste schienen allen gut zu gefallen, denn Kapitän Buse aus Leer machte mir ein Super-Lohnangebot, sollte ich zu einem längeren Aufenthalt an Bord bereit sein. Ich sagte aufgrund der guten Arbeitsbedingungen zu. Immerhin hatte ich hier in der kleinen Fahrt mehr Heuer plus Überstunden als je in der großen Fahrt gehabt. Und es kam die große Überraschung: Alles, was ich an Proviant zur Bestellung aufgelistet hatte, wurde ohne Streichung von der Schiffsausrüstung geliefert. Das blieb auch auf den anderen Wessels-Schiffen so, auf denen ich später noch sein durfte. Auch gab es bei dieser Reederei keinen sogenannten Proviantsatz.
Aus dem Seefahrtsbuch nach dem Anmustern in Kiel-Holtenau: Ernst Richter im Jahr 1968. Bild: privat
In Ballast ging es nach Hamina/Finnland, um Grubenholz zu laden. Inzwischen war der Winter eingezogen. Schon während der Beladung war der Hafen total dichtgefroren. Ich sah uns schon in Hamina überwintern. Nach ein paar Tagen war die Beladung abgeschlossen, die Räume voll, und an Deck stapelte sich eine hohe Deckslast, alles gut verlascht. Irgendwann tauchte ein mittelgroßer Eisbrecher auf, der erst den Hafen „umpflügte“ und außerhalb des Hafens eine Fahrrinne schuf. Wir folgten dem Eisbrecher.
Wir fragen wieder: Wer erinnert sich an Begebenheiten von früher? Melden Sie sich bei uns. Unsere Mitarbeiterin Iris Hellmich, die diese Serie betreut, ist unter 04921/8900401 oder per E-Mail an IrisHellmich@gmx.de zu erreichen.
Nach kurzer Zeit drehte der Eisbrecher ab, und wir mussten uns selbst den Weg frei brechen. Mit voller Kraft und langsam vorankommend brach sich das Schiff mit unheimlichem Getöse von Maschinenlärm und an die Seite schlagenden Eisschollen den Weg in Richtung offene See. Doch schnell saßen wir fest und das Schiff bewegte sich trotz voller Maschinenleistung gar nicht mehr vorwärts. Auch andere Schiffe saßen fest. Erneut kam ein Eisbrecher zum Einsatz. Dem riesengroßen finnischen Eisbrecher folgte in seinem Kielwasser ein ganzer Konvoi zuvor eingefrorener Kümos. Mit krachenden Geräuschen ging es langsam, aber stetig Richtung offene See.
Nächtlicher Riesenknall
Auf dem Weg in die Nordsee wurde ein Sturmtief gemeldet, das vor Schottland wütete. Weder der Kapitän noch wir als Mannschaft hatten Befürchtungen, denn ein Schiff mit Holz schwimmt immer oben, dachten wir. Doch im Skagerrak tauchte die „Hillerdine Wessels“ schon mächtig ein. Mit halber Maschinenkraft hielt das Schiff gegen die Wellen.
Gegen zwei Uhr nachts gab es einen Riesenknall. Ich eilte auf die Brücke, wo sich schon alle anderen eingefunden hatten. Das Schiff hatte eine gefährliche Schräglage bekommen. Die Holzladung war verrutscht. Der Kapitän hielt das Schiff mit dem Kopf in die See. Es wurde beschlossen, einige Laschings zu kappen. Die jetzt freigewordene Decksladung rutschte teilweise über Bord. Das Schiff richtete sich wieder ein wenig auf. Wir kamen mit langsamer Fahrt weiter. Der Sturm ließ nach, doch in den immer noch hohen Wellen tanzte das Schiff. Am nächsten Tag liefen wir mit Schlagseite in den schottischen Hafen Aberdeen ein, wo die noch vorhandene Ladung gelöscht wurde. Diese war für mich eine von mehreren Fahrten auf der „Hillerdine Wessels“.
