Emden - Das schöne im 16. Jahrhundert erbaute Rathaus meiner Geburtsstadt Emden ist bei dem großen Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg am 6. September 1944 bis auf die Grundmauern zerstört worden. Die Bürger hingen mit Herzblut an dem Renaissance-Gebäude, und viele Menschen empfanden große Trauer, als sie, nachdem sie aus den Bunkern gekommen waren, nur noch Trümmer sahen.
Im darauffolgenden Jahrzehnt, in den 1950er Jahren, war mein Vater, der Maschinist und Kranführer Louis Petersen, als Baggerführer für den Bauunternehmer Peter Jürgens im Einsatz, um die Trümmer fortzuräumen. Soviel ich weiß, war mein Vater am Rathausplatz der einzige Baggerführer, denn es gab nicht viele Bagger und Baggerführer nach dem Krieg. In den Haufen von Steinen lagen auch viele Einrichtungsgegenstände aus dem zerstörten Rathaus. Die Männer, die dort arbeiteten, fanden immer irgendetwas unter den Trümmern. Nach der Schule bin ich oft zu der Baustelle gegangen, um meinem Vater stundenlang bei der Arbeit zuzuschauen. Einmal kam ein weißer Essteller aus Porzellan zutage. Auf der Unterseite ist ein Stempel, der unter anderem den Aufdruck der Firma „Rosenthal Selb. Germany 1942“ zeigt.
„Jung‘, nimm den mit“
Als mein Vater den Teller aus den Bergen von Schutt herausgezogen hatte, gab er ihn mir und sagte: „Jung‘, nimm den mit“. Ansonsten habe ich nichts gesehen von den ausgegrabenen Gegenständen. Sie müssen heute größtenteils in der Tiefe des Brauersgraben liegen, der kein Wasserlauf mehr ist, sondern eine Straße. Mein Vater musste die Trümmer unter anderem auf einen Lastwagen des Fuhrunternehmers Westmark laden, der alles in den Brauersgraben kippte, oder zur Müllhalde fuhr, dem heutigen Friesenhügel. Meine Schwester Hannelore ist später die Ehefrau von Herrn Johann Westmark geworden, aber damals während der Baggerarbeiten am Rathausplatz ahnte mein Vater nicht, dass er eines Tages sein Schwiegervater sein würde.
Wahre Schätze unter der Emder Erde
Wahre Schätze liegen sicherlich unter der Emder Erde verborgen. Der Wasserlauf am Stephansplatz verlief früher bis zum damaligen Polizeigebäude an der Brückstraße. Als die Trümmer des früheren Rathauses beseitigt waren und mit dem Bau des neuen Rathauses begonnen wurde, wechselte mein Vater zu Schulte & Bruns, wo er mit dem Kran Stahlplatten an Schiffe hievte, die dann von den Schweißern dran genietet wurden.
Im selben Jahr, in dem das neue Rathaus eingeweiht wurde, zog ich der Arbeit wegen nach Köln. Das Rathaus war schon fertig errichtet. Zum Abschied schenkte mir mein Vater ein Bild vom Rathaus mit Rahmen, den er selbst gezimmert hatte. Das Bild hängt bis heute in meiner Kölner Wohnung und erinnert mich jeden Tag daran, woher ich komme.
Eröffnung 18 Jahre nach der Zerstörung
Das neue Rathaus wurde genau 18 Jahre nach der Zerstörung des alten am 6. September 1962 eröffnet und eingeweiht. Der Teller ist das einzige Stück, das ich selbst mit eigenen Augen gesehen habe bei den Baggerarbeiten. Über den Fund habe ich mich sehr gefreut und esse bis heute jeden Tag von diesem Teller.
Der Kinderwagen knallte in die Toilette
An den großen Bombenangriff am 6. September 1944 habe ich keine Erinnerung, weil ich noch ein Baby war. Meine Mutter erzählte mir aber von dem Tag. Wir wohnten in der Schillerstraße im ersten Stock. Als am späten Nachmittag die Sirenen gingen und wir in den Bunker in der Geibelstraße mussten, legte meine Mutter mich in den Kinderwagen. In der Eile rutschte sie oben an der Treppe aus. Der Kinderwagen entglitt ihr und knallte in die Toilette, die unten im Haus war. Es ist zum Glück nichts passiert und meine Mutter rannte mit Kinderwagen zum Bunker. Als die Bombardierung nach einer guten Viertelstunde vorbei war, gab es kein Rathaus mehr in Emden.
Zur Person: Henry Petersen ist 1943 in Emden geboren. Mit 15 Jahren machte er eine Lehre in der Schiffsausrüstung als Industriekaufmann bei Wienholtz & Becker. Außerdem war er bei den Ford-Werken und Toyota in Köln angestellt und zuletzt beim WDR in Köln tätig, im Vertragsmanagement als Mittelsperson für freie Mitarbeiter.
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