Emden - Spürbare Erleichterung am Freitag im vhs-Forum bei der Programmvorstellung zum 32. Filmfest Emden-Norderney: „Es sieht so aus, als ob die lang ersehnte Normalität wieder zurückkehrt,“ sagte Nora Dreyer, Geschäftsführerin des größten Kino-Festivals im Nordwesten. 2020 hatte man coronabedingt komplett aussetzen müssen, 2021 gab es eine abgespeckte Version, allerdings erst im Oktober. Das wiederum verkürzte den Zeitraum zum nächsten Filmfest 2022 um satte vier Monate. Eine Herausforderung für die Programmgestalter, aber im Ergebnis offenbar kein Problem. Festivalleiter Rolf Eckard: „Es gab in dieser Zeit einen wirklich guten Film-Output. Wir hatten viel Glück, gute Partner in der Branche und schließlich die Qual der Wahl.“
Die Eröffnung
Als Eröffnungsfilm sowohl in Emden (Cinestar) als auch auf Norderney wurde „Wie im echten Leben“ ausgewählt, eine französische Produktion, in der Kinostar Juliette Binoche eine Schriftstellerin spielt, die undercover in einer Putzkolonne arbeitet. Ein Film, der ein Publikumsliebling werden könnte. Das lässt zumindest der Trailer vermuten. Hierzu werden Gäste erwartet, wie zu vielen anderen Filmen auch.
Die Filme
Mehr als 70 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme in 170 Veranstaltungen (20 mehr als 2021) werden in Emden und auf Norderney vom 8. bis 15. Juni gezeigt. 32 Weltpremieren und deutsche Erstaufführungen sind zu sehen. Gerade Premieren seien ein Indikator für die Aktualität des Festival-Programms, unterstrich Rolf Eckard. Besonders herausgestellt wurden am Freitag – neben den Wettbewerbsreihen – drei Filme: der Dokumentarfilm „Der letzte Jolly-Boy“ des Rheiderländers Hans-Erich Viet, eine Erinnerung an den Holocaust-Überlebenden Leon Schwarzbaum, der sich 2018 ins Goldene Buch der Stadt Emden eingetragen hatte und im März dieses Jahres 101-jährig starb; die äthiopisch-deutsche Co-Produktion „Running against the Wind“ zu Ehren des Namensgebers für den Hauptpreis, den Regisseur und Schauspieler Bernhard Wicki (1919 - 2000); der ukrainische Film „107 Mothers“, zu dem ausdrücklich Geflüchtete aus der Ukraine eingeladen seien, wie Eckard betonte. Ein besonderes Augenmerk ist dieses Mal auf Länder mit einer eher schwacher Filmindustrie gelegt.
In drei Kurzfilmreihen, neben den beiden Wettbewerben, werden wieder „London Shorts“, also brandneue britische Kurzfilme angeboten.
Die Preise
In mittlerweile sieben Filmwettbewerben werden Preise im Gesamtwert von über 65.000 Euro vergeben. Im Wettbewerb des Score Bernhard Wicki Preises (15.000 Euro) buhlen 18 Filme um die Publikumsgunst, zehn davon sind erstmals in Deutschland zu sehen. Fünf Bewerber gehen beim DGB-Filmpreis (7000 Euro) ins Rennen, je vier sind es beim NDR-Filmpreis (5000 Euro), beim Creative Energy Award (5000 Euro) der Stadtwerke Emden und beim neu aufgenommenen Focus Future Award (wir berichteten; 5000 Euro) der Auricher Ökorenta. Hinzu kommen der Engelke Kurzfilmpreis der Sparkasse Emden (2500 Euro) und der Ostfriesische Kurzfilmpreis der VGH (9000 Euro). Zum 12. Mal wird der Emder Drehbuchpreis (12.000 Euro), gestiftet von der Spedition Weets, vergeben. Den Emder Schauspielpreis (5000 Euro) erhält in diesem Jahr Meret Becker (wir berichteten). Weitere Preise sind der „Norderneyer Engel“ (der Integrationspreis der Insel Norderney) sowie der „Schreibtisch am Meer“ (eine Woche zur Entwicklung eines Filmprojekts).
Das Portrait
Mit der Verleihung des Schauspielpreises ist eine filmische Hommage verbunden. Deshalb werden sechs Filme mit Preisträgerin Meret Becker gezeigt, darunter „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ (2021) und „Pünktchen und Anton“ (2008). Außerdem ist die Mimin Gast des Talkformats „Film-Tee“, das nach zwei Jahren Pause wieder stattfindet.
Die Inhalte
Worum geht es in diesem Jahr in den einzelnen Filmen? Nora Dreyer und Rolf Eckard unterstrichen die besondere Vielfalt der Beiträge. Komödien, Thriller und Dramen behandeln Themenkomplexe wie Krieg, Corona, Arbeit, Migration, Geschichte und – natürlich – Liebe.
Die Förderer
„Ohne die vielen Förderer und Sponsoren wäre das Festival nicht möglich“, lobte Eckard das Engagement der vielen Unterstützer. Rund eine halbe Million Euro beträgt der Etat der Veranstaltung. Ein Low-Budget-Festival nach wie vor, erst recht gemessen an der Zuschauerzahl. Da gebe es andere Filmfeste mit weniger Besuchern, deren Etat ein ganzes Stück größer sei, betonte Team-Mitglied Florian Vollmers.
Die Talks
Es gibt – neben dem Film-Tee – wieder drei Talk-Formate. Der Mitternachtstalk im Grand Café kehrt zurück, und der Talk & Brunch im Störte am Neuen Markt wird fortgesetzt. Auf Norderney steht ein Late-Night-Talk auf dem Programm.
Die Kino
Spielstätten in Emden sind das Cinestar am Wasserturm und das vhs-Forum. Für 2023 hofft Nora Dreyer auf eine „herausragende Premiumspielstätte“, wenn das Neue Theater („Festspielhaus am Wall“) umgebaut ist.
Die Tickets
Im Grand Café am Stadtgarten wird wieder der Ticketverkauf erfolgen – „mit dem altbekannten Team“. Die Preise (es gibt Einzeltickets, Mehrfach- und Dauerkarten). Sind gegenüber dem Vorjahr unverändert geblieben (mehr Informationen zum Filmprogramm und mehr unter www.filmfest-emden.de).
