Emden - Es klingt einfach: eine Dalbenreihe als Liegeplatz für große Flüssiggas-Tanker in den Emsgrund westlich von Campen rammen und eine Pipeline bauen, über die das Gas Richtung Festland zum rund sieben Kilometer entfernten Erdgasterminal von Gassco transportiert und von dort ins Netz eingespeist wird. Vorgeschlagen hat das der Vorsitzende des Nautischen Vereins zu Emden, Frank Wessels (wir berichteten). Auf dem Nautischen Essen vor einer Woche erhielt er dafür kräftig Beifall. Aber wie realistisch ist diese Idee?
Nationale Angelegenheit
In Wilhelmshaven ist man da schon ein ganzes Stück weiter. Dort gab es Anfang Mai bereits den ersten Rammschlag für ein solches schwimmendes LNG-Terminal. Eine höchst nationale Angelegenheit, auch Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) war anwesend. Schließlich geht es darum, sich aus der Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen zu lösen. Tatsächlich dürfte dieser Baustart in die Geschichte eingehen, denn wohl noch nie ist bei einem Infrastrukturvorhaben in Deutschland so wenig Zeit von der ersten Idee bis zum ersten Rammschlag vergangen. Möglich macht dies das unlängst beschlossene LNG-Beschleunigungsgesetz.
Diese „Notsituation“, in möglichst kurzer Zeit russische Gaslieferungen bestmöglich zu kompensieren, war für Wessels Grund genug, den Hut für Emden und die deutsche Seite des Emsreviers in den Ring zu werfen. Niedersachsen konzentriert sich bei diesem Thema allerdings zunächst voll auf Wilhelmshaven (die Rede ist dort mittlerweile von drei solcher Terminals) und auf Stade. Das bestätigte die Sprecherin von Niedersachsen Ports (N-Ports), Dörte Schmitz, auf Anfrage dieser Zeitung. Dort wolle man „kurzfristig Anleger für verflüssigte Gase“ schaffen. Wessels’ Vorschlag ist für N-Ports „eine bislang von uns ungeprüfte Idee“.
Großes Thema Tiefgang
Die Gas-Tanker-Reede, die der Vereinsvorsitzende und Geschäftsführer der Emder Schlepp Betrieb GmbH als Umschlagplatz für LNG ( = Liquefied Natural Gas/verflüssigtes Erdgas) im Blick hat, war seinerzeit für Flüssiggas-Tanker geschaffen worden, die ab den 1980er Jahren bis zu Beginn der 2000er Jahre den Emder Hafen anliefen und dort ihre Fracht am Terminal der Shell Tochter Flüssiggas Emden Terminal (FTE) löschten. Das war kein verflüssigtes Erdgas, sondern LPG ( = Liquefied Petroleum Gas) auf Propan- beziehungsweise Butan-Basis, das als Autogas oder Heizgas eingesetzt wird. Diese Tanker hatten jedoch einen deutlich geringeren Tiefgang als die großen LNG-Schiffe wie die knapp 300 Meter lange „Höegh Esperanza“ (Tiefgang: 12,6 Meter), die für Wilhelmshaven gechartert wurde. Das Terminal, das dort seit diesem Monat entsteht, soll schon zum Ende des Jahres den Betrieb aufnehmen. Dort wird eine Tiefe von 13 Metern vorgehalten.
Nicht vom Tisch
Speziell der Tiefgang stellt auf der Ems – anders als im Tiefwasserhafen Wilhelmshaven – eine nicht unerhebliche Hürde dar. Die Gas-Tanker-Reede müsste für die großen LNG-Schiffe ausgebaggert werden und die Liegewanne am Anleger laufend freigehalten werden. Naturschutzaspekte dürften ebenfalls eine Rolle spielen: Im Wattenmeer, wozu das Emsmündungsgebiet gehört, gelten besondere Kriterien. Ein Umstand, der beispielsweise bei dem seit 19 Jahren geplanten Projekt der Fahrwasservertiefung um einen Meter ein wichtiger Aspekt ist. Anders sieht es auf niederländischer Seite aus. Dort ist die Fahrwassertiefe auch für große Tanker angepasst. Zwei schwimmende LNG-Terminals sind dort vorgesehen.
So ganz vom Tisch wischen will der Hafenbetreiber N-Ports Wessels’ Vorschlag nicht. Dieser könne „zu gegebenem Zeitpunkt nachverfolgt werden“, ließ Sprecherin Dörte Schmitz die Tür noch einen Spalt geöffnet.
