Emden - Noch ist die „Innovations-Genossenschaft“ nur ein Arbeitstitel, auch der Inhalt klingt noch sehr sperrig. Doch die von der Stadt Emden am Donnerstagabend im zuständigen Fachausschuss des Rates vorgestellte Idee verspricht bei näherer Betrachtung eine „moderne Plattform“ für Einkauf und Herstellung, mit deren Hilfe sich neben anderen Vorteilen insbesondere klein- und mittelständische Unternehmen (KMUs) ihren Teil am Kuchen der alternativen Energien sichern können. So jedenfalls der Tenor der Vorstellung durch einen externen Berater, der städtischen Wirtschaftsförderung und dem OB.
Chancen nutzen
Hintergrund dieser Initiative ist ein rasanter Wandel: Die Energiekrise und die damit verbundene industrielle Transformation sei eine Herausforderung. Um aber auch die daraus resultierenden Chancen bestmöglich zu nutzen, soll diese Plattform geschaffen werden. Die „Innovations-Genossenschaft“ soll sich mit entsprechendem Namen als Marke etablieren, sich damit gegenüber Konkurrenten durchsetzen und bestenfalls Neuansiedlungen von Unternehmen nach sich ziehen, hieß es. Und sie soll möglichst schnell gebildet werden, die Beschlussfassung ist schon für den 8. Dezember in der nächsten Ratssitzung anvisiert.
Der Erstaufschlag für die geplante Genossenschaft im Ausschuss für Wirtschaft, Hafen, Tourismus und Digitales stieß allerdings noch auf verhaltene Vorfreude. Nach dem 30-minütigen Vortrag von Thielko Holländer (Wirtschaftsförderung) und Jens Meincke (Unternehmensberater) sehen die Ratsmitglieder noch viele Fragen ungeklärt.
Rat außen vor?
So bleibe offen, wie diese Genossenschaft beispielsweise mit dem Vergaberecht umgehen will, wenn die Kommune beteiligt ist (Gerold Verlee, CDU). Andere sehen in dem Konstrukt zwar die Kommune beteiligt, den Rat aber außen vor. „Ratsmitglieder können zwar nervig und behindernd sein“, sagte FDP-Fraktionsvize Hillgriet Eilers. „Aber sie haben auch eine Kontrollaufgabe.“ Auch Bernd Renken (Grüne) teilte die Bedenken, „dass sich die Wirtschaftsförderung immer weiter von der Politik absondert“. Als möglicherweise positiv für die regionale Wirtschaft beurteilte Bernd Janssen (GfE) das Vorhaben. Als außerordentlich „wichtig“ bezeichnete Holger Stomberg (SPD) derartige Plattformen für KMUs, betonte aber auch die Einbindung des Rates als unerlässlich.
„Ich hätte mir anfangs mehr Euphorie gewünscht“, räumte Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) ein, wenngleich auch er eine Beschlussfassung an diesem Donnerstag noch nicht erwartet habe. „Aber ich glaube, dass die Genossenschaft eine gute Idee ist, wenn sie auch noch sperrig und kaum zu greifen ist.“ Er bot weitere Beratung durch die Ideengeber an. Außerdem betonte Kruithoff, dass es bei diesem Konstrukt nicht um die städtische Wirtschaftsförderung gehe, sondern um „kommunale Einrichtungen und private Unternehmen, die sich hier organisieren“. „Wir brauchen hier technischen Sachverstand.“
Kaum Risiko
Ein Risiko schloss der OB für die Stadt aus, da sich die Genossenschaft aus sich selbst heraus finanziere. Der Anteil der Stadt läge bei überschaubaren 1000 Euro, mit denen zunächst das Bekenntnis zur Genossenschaft abgegeben werde. Andere potenzielle Genossenschaftsmitglieder saßen am Donnerstag beispielsweise mit dem Sparkassenchef und dem Leiter der Stadtwerke im Ratssaal auf der Zuschauerbank.
Auch wenn die Genossenschaftsform kein Novum ist, ist sie in der geplanten Emder Form in Deutschland wohl einzigartig.
Denn sie zielt auf einen Zusammenschluss aller in einer Stadt oder Region beheimateten Unternehmen. Jedes Mitglied hat nur eine Stimme, unabhängig von der Größe des Unternehmens oder den Anteilen an der Genossenschaft. Was zähle, sei die Gemeinschaft, nicht die Hierarchie.
Gemeinsam soll die Verfügbarkeit von alternativen Energien gesichert und forciert werden, vorrangig zunächst Wasserstoff. So gehört die EWE als künftiger Produzent in Emden zu den größeren Playern, aber auch mögliche Gründungsmitglieder wie die Sparkasse oder die Stadtwerke als kommunales Unternehmen mit ihrem Netzwerk. Sie könnten als Kapitalgeber 100 Anteile oder mehr kaufen.
Mit der aus der Genossenschaft resultierenden Marke soll der Wettbewerb gegenüber anderen Energie-Hochburgen gesichert werden, etwa Wilhelmshaven.
Gleichzeitig soll der eigene Standortvorteil endlich genutzt werden. So fließt beispielsweise zurzeit in Emden anlandender grüner Windstrom schnurstracks Richtung Ruhrgebiet. Der überschüssige Nordsee-Strom (es sollen bis zu 60 Prozent sein), soll dann hier wertgeschöpft werden. Etwa bei der Speicherung in Wasserstoff oder auch in Kavernen für mehrere Jahre.
Auch die Generierung ganz anderer Fördergelder für Innovationen, als es einzelne Firmen oder die Kommune kann, werde durch die Genossenschaft möglich.
Stichwort Teilhabe an Forschung und Entwicklung: Von dem Wissen der technischen Neuerungen und Möglichkeiten sollen auch mittelständische Unternehmen durch entsprechende Beratung profitieren. Etwa der Bäcker, der vor der Entscheidung steht, den Ofen künftig über Strom oder andere Brennstoffe zu beheizen.
Die Gründung der Genossenschaft ist für das erste Quartal 2023 avisiert. Die Mitglieder sollen das operative Geschäft zunächst nebenamtlich betreiben. Insgesamt drei Jahre werden für den gesamten Aufbau veranschlagt, damit ein stabiles Angebot vorliegt.
Ob der erste Schritt zur „Innovations-Genossenschaft“ bald oder überhaupt gegangen wird, soll sich nun in der Abstimmung im Verwaltungsausschuss kurz vor der Ratssitzung im Dezember entscheiden.
