Emden - Das war mal ungewöhnlich: Bei der 15. Emder Stolperstein-Verlegung am Freitag hat sich der sonst so wortkarge Erfinder der Erinnerungsaktion, der Kölner Künstler Gunter Demnig, tatsächlich mal ein paar persönliche Äußerungen entlocken lassen. Zuerst verriet er auf die Frage von Arbeitskreis-Sprecherin Edda Melles hin, dass er im Laufe dieses Jahres den insgesamt 90 000. Stolperstein in Europa verlegen wird. Später bekannte er dann gegenüber unserer Zeitung, dass er so eine Zahl – damals, zu Beginn der Initiative vor 30 Jahren – nie für möglich gehalten hätte. „Ich habe nur mit ein paar 100 in meinem näheren Umfeld gerechnet.“ Inzwischen ist er mit den Stolpersteinen, die in den jeweiligen Städten und Gemeinde an jene Mitbürger erinnern, die zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, unterdrückt, gefoltert und getötet wurden, weit über die Grenzen Deutschlands aktiv. Wo der am weitesten entfernte Stolperstein liegt? „Südlich von Moskau“, sagte Demnig.
Godfried-Bueren-Str. 23: Berend Hündling, politisch verfolgt wegen seiner Aktivitäten in der KPD und in der „Revolutionären Gewerkschafts-Opposition“ der Seeleute, Hafenarbeiter und Binnenschiffer.
Okko-tom-Brook-Str. 18: Hermann, Clara, Arthur, Else, Arno, Philipp, Kurt und Mathilde Hartogsohn, rassisch und religiös verfolgt wegen ihres jüdischen Glaubens.
Bollwerkstraße 88: Gesine Lüken kam im Alter von 19 Jahren wegen heftiger epileptischer Anfälle in die Heil- und Pflegeanstalt und fiel knapp 20 Jahre später den Krankenmorden der Nazis zum Opfer.
Wolthuser Straße 20: Josef und Henriette Karseboom sowie Grete, Iwan und Ryfka Wolff, rassisch und religiös verfolgt wegen ihres jüdischen Glaubens.
Wolthuser Straße 78: Aron, Hermina, Max, Nico und Siegfried de Leeuw, rassisch und religiös verfolgt wegen ihres jüdischen Glaubens.
Nordertorstraße 47: Henry Mellendorf, politisch verfolgt wegen seiner Widerstands-Aktivitäten in der KPD.
Ausgerechnet, möchte man mit Blick auf den Ukraine-Krieg kommentieren. Dass die Stolpersteine in diesen Zeiten wichtiger denn je sind, um die Erinnerung hochzuhalten und erneutes Unrecht künftig zu verhindern, betonte Bürgermeisterin Andrea Risius (CDU). „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft gestalten.“ Deshalb sei es gut und wichtig, dass sich wieder Schüler der IGS, vom Max, den BBS II und der Oberschule Herrentor aktiv am Gedenken beteiligten.
Erinnert wurde am Freitag aber auch noch mal an die im Februar verstorbene Arbeitskreis-Forscherin Gesine Janssen. Mitstreiterin Traute Hildebrandt und Stadtarchiv-Leiter Dr. Rolf Uphoff würdigten vor Ort ihren Einsatz zur Aufarbeitung der Emder Geschichte. Dieser sind nun am Freitag durch die Recherchen der Arbeitskreis-Mitglieder 25 neue Stolpersteine hinzugefügt worden. Insgesamt steigt damit die Zahl in Emden auf 380.
Beim Gedenken an Krankenmord-Opfer Gesine Lüken (Boltentorstraße 88) war auch Verwandtschaft vor Ort. Großneffe Dr. Thomas Haack (57) aus Achim, gleichzeitig Pate für ihren Stolperstein, kam zusammen mit seiner Mutter Aenne (87) aus Hinte zur Verlegung. Sie erzählte: „Erst als ich etwa zehn Jahre alt war, so um 1944, hat mir meine Mutter gesagt, dass ich noch eine Tante gehabt hätte, die aber früh gestorben sei.“ Als sie nach dem Grund fragte, habe ihre Mutter damals schon gesagt: „Die Nazis haben sie umgebracht.“ Aber nur leise hinter vorgehaltener Hand. „Man musste ja vorsichtig sein.“
Stolperstein für Berend Hündling in der Godfried-Bueren-Straße 23.
Gaby Wolf
Gunter Demnig, Initiator der Stolpersteine, legt letzte Hand an den Stein für Berend Hündling im Stadtteil Port Arthur/Transvaal.
Gaby Wolf
Matthias ten Hove (16) aus der 11b der IGS Emden verliest die Biografie von Nazi-Opfer Berend Hündling.
Gaby Wolf
Gedenken in der Godfried-Bueren-Straße im Stadtteil Port Arthur/Transvaal, unter Beteiligung der 11b von der IGS Emden.
Gaby Wolf
Imke Mimh (16), Schülerin der IGS Emden aus der 11b legt eine Rose für Berend Hündling nieder.
Gaby Wolf
Der Stolperstein von Berend Hündling liegt jetzt neben denen seiner Genossen Karl und Aaltje Staub sowie Jan Engels, ebenfalls Widerstandskämpfer der KPD gegen die Nationalsozialisten.
Gaby Wolf
Karl-Heinz Giesen und Horst Davids vom Bau- und Entsorgungsbetrieb Emden unterstützen Stolperstein-Künstler Gunter Demnig.
Gaby Wolf
Stolperstein-Gedenken in der Okko-tom-Brook-Straße 18 im Behördenviertel für die jüdische Familie Hartogsohn, zu den Schülern, die die Biografien verlasen, gehörte Laryssa Dünhölter (Jahrgang 6) von der Schülervertretung des Max-Windmüller-Gymnasiums.
Gaby Wolf
Viele Steine – viele Rosen: Gedenken an acht Mitglieder der jüdischen Familie Hartogsohn in der Okko-tom-Brook-Straße.
Gaby Wolf
Schülervertreterinnen des Max-Windmüller-Gymnasiums legen weiße Rosen für die Familie Hartogsohn nieder.
Gaby Wolf
Sie verlasen die Biografien der Familie Hartogsohn, von links: Frederik Jabin, Alexandra Gembel, Viola Anhalt, Ida Schelzel, Mara Bloempott, Rieke Götemann und Laryssa Dünhölter von der Schülervertretung des Max-Windmüller-Gymnasiums.
Gaby Wolf
Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig im Einsatz vor Fahrrad Oltmanns in der Großen Straße 47-49. Hier lebte einst die jüdische Familie Gans.
Gaby Wolf
Stolperstein-Verlegung in der Großen Straße: Während Cosima Artmann und Maike Olthoff vom Beruflichen Gymnasium der BBS II Emden die Opferbiografien von Arent, Kornelia, Simon und Ludwig Gans verlesen, setzt Gunter Demnig die Stolpersteine ins Gehwegpflaster.
Gero Conring
Künstler Gunter Demnig und Renate Skoruppa vom Arbeitskreis Stolpersteine Emden lauschen den Opferbiografien in der Großen Straße.
Gaby Wolf
Traute Hildebrandt vom Arbeitskreis Stolpersteine Emden mit einer vergrößerten Kopie einer alten Postkarte, die die verstorbene Gesine Janssen noch entdeckt hatte. Die Karte zeigt das Haus, das früher in der Großen Straße 47-49 stand. Dort lebte einst die jüdische Familie Gans.
Gaby Wolf
Stolpersteine für die vier Mitglieder der jüdischen Familie Gans, die bis in die 1930er Jahre hinein in der Großen Straße wohnte.
Gaby Wolf
Stolperstein-Verlegung in der Bollwerkstraße 88 am Wall. IGS-Schülerin Leandra Kruse (17) verlas die Biografie von Gesine Lüken, die Opfer der sogenannten Krankenmorde wurde. Großneffe Dr. Thomas Haack (2. von rechts) kam extra aus Achim zum Gedenken und brachte seine Mutter Aenne (ganz rechts) aus Hinte mit, die Nichte von Gesine Lüken.
Gaby Wolf
Maike Olthoff (Jahrgang 12) und Cosima Artmann (Jahrgang 11) vom Beruflichen Gymnasium der BBS II Emden legen in der Großen Straße Rosen für die jüdische Familie Gans nieder.
Gero Conring
