Emden - Eigentlich wollte Johannes Berg, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer, im März 2021 eigentlich nur das Archiv der „Kunst“ ein wenig aufräumen und hatte sich deshalb im Magazin der Ostfriesischen Landschaft in Borssum eingefunden, wo die Unterlagen aufbewahrt werden. Was er dann im Keller des Magazins fand, verschlug nicht nur ihm den Atem.
In einem Regal entdeckte Berg unter einem großen Stapel von Unterlagen eine hölzerne Kiste, die er noch nie gesehen hatte. Die eigentliche lokale Sensation befand sich im Innern des Kastens – eine Registratur, die den Altbestand der Gesellschaft vor dem verheerenden Zweiten Weltkrieg aufschlüsselt. Dieser Kasten hatte also tatsächlich Kriegsjahre, Auslagerung, Nachkriegszeit und mehrere Umzüge unbeschadet überstanden.
Der sogenannte „Zettelkasten“ enthält auf provisorisch zurechtgeschnittenen Papieren im Format DIN A7 jene Objekte aus dem Bestand der Gesellschaft, die unter dem Begriff „Altertümer“ subsumiert werden – im Grund all das, was nicht dem Bereich der bildenden Kunst zuzuordnen ist. Das besondere: die meisten Objekte werden nicht nur beschrieben, sondern auch als kleine, aber sehr detailgetreue Zeichnung festgehalten. Das bedeutet, dass die wissenschaftlichen Mitarbeiter im Ostfriesischen Landesmuseum jetzt zuordnen können, welche der Objekte einmal im Eigentum der Gesellschaft waren. Man habe aber auch festgestellt, dass viele Objekte verschwunden sind, stellt Kuratorin Dr. Annette Kanzenbach fest.
In vielen Fällen ist auf den Karten vermerkt, wie die Objekte in den Besitz der „Kunst“ erlangten und wer sie übergeben hat. Das wiederum sind Hinweise, die für den Provenienzforscher im Ostfriesischen Landesmuseum, Georg Kö, von höchstem Interesse sind, weil sich hier womöglich noch Informationen finden, die auf unrechtmäßig übernommenes Kulturgut schließen lassen.
Angelegt wurde die Registratur offensichtlich zwischen 1928 und 1933 von dem eigens für diese Arbeit angestellten Kunsthistoriker Jan Fastenau (1880 bis 1945). Rund 4000 Kärtchen sammelten sich in dieser Zeit an. Inzwischen konnten sie digitalisiert werden. Die Historikerin Berit Tottmann übernahm diese Aufgabe und wird über die vorläufigen Ergebnisse ihrer Arbeit am 22. März referieren (19 Uhr, Rummel im Rathaus am Delft).
Offenbar ist Fastenau mit seiner Arbeit nicht ganz fertig geworden. Die Zuordnungen innerhalb der Registratur sind noch nicht zu Ende geführt. Immerhin, so stellt Georg Kö zufrieden fest, ist der Zettelkasten nie „gefleddert“ worden. Wie hat Fastenau überhaupt gearbeitet? Auch darüber gibt es genaue Vorstellungen. Angesichts der enormen Fülle des Materials geht man davon aus, dass er im damaligen Magazin der KUNST jedes einzelne Objekt in die Hand genommen und systematisch erfasst hat.
Trotz der offenbaren Nähe zum Gedankengut des Nationalsozialismus muss der Zettelkasten Fastenaus in dieser Zeit „aus dem Verkehr gezogen worden sein“, vermutet Georg Kö. Das völkische Denken der Nazis, deren Gedankengut für die KUNST einschneidende personelle Veränderungen nach sich zog, und die positivistische Position Fastenaus passten nicht zusammen.
Der Zettelkasten steht im Mittelpunkt einer musealen Inszenierung mit dem Titel „Neu erzählt“ im 3. Stock des Landesmuseums.
