Emden - Geboren in der August-Bebel-Straße und im Alter von fünf Jahren in die Cirksenastraße umgezogen, erlebte ich in diesem Emder Gebiet einige aufregende Kindheitsjahre. Bei den vielen Auseinandersetzungen mit anderen Straßen hieß es häufig: „…ich hole gleich meinen großen Bruder und dann…“ Einmal standen sich plötzlich auf beiden Seiten viele große Brüder gegenüber. Diese Brüder verbrüderten sich gegen viele Erwartungen und gingen dann alle gemeinsam Arm in Arm zu Rinnerts Bude, während wir Kleinen in voller Kriegsbemalung gegenüber Fußball spielten.
„Deutsche Heldensagen“
Weiter gehen meine Erinnerungen in diese Zeit. Überhaupt: Banden! Transvaal ist gefürchtet und Port Arthur und Nesserland, ogottogottogott: Nesserland. Wir liegen mit unserer Cirksenastraße genau dazwischen; die Fletumer Straße rechts rum, und schon befindest du dich im dicksten Transvaal. Ich komme dort eigentlich ganz gut zurecht. Einmal hilft uns Transvaal sogar, aber das ist die Sache mit den „Großen Brüdern“, kein „Schuhe prüfen“, keine Kopfnüsse und kein Muskelreiten, stattdessen Sinalco und Waffelbruch bei Rinnert, und alles Arm in Arm.
Mein Geburtstag im Juni ist schön. Es gibt einen Fußball und natürlich die „Deutschen Heldensagen“, „sehr gut“, meint Papi, und kleine Überraschungen. Uns ist planmäßig schlecht vom Kuchen, und wir gehen mit dem neuen Fußball nach draußen. Die Kniestrümpfe sind schnell grün, Schrammen, die Jodflasche, der Fußball? „... ich glaube, er ist kaputt“, aber das Spiel war ein voller Erfolg.
Es gibt viele Fotos. Papi ist mit der „Foto Porst“ unterwegs. Im Dunkeln klappt es nicht so gut. Zu wenig Licht. Er hat nach vielen anderen Versuchen eine riesengroße Birne gekauft, die steht dann immer richtig, haut aber auch nicht immer hin. Einmal geht sie mit einem lauten Zischen aus. Da ist was los, die ganze Familie sitzt stocksteif in der Plüschgarnitur und mag sich nicht bewegen. „Nicht wackeln!“ ruft Papi, dann Gejuchze, ich gehe erst einmal in Deckung. Es ist immer wieder herrlich.
Der heutige Erzähler: Joachim Schmidt.
Dann gibt es große Ferien. Das Schwert wird neu angemalt wie echtes Ofensilber, Pfeile werden geschnitzt, und ein Köcher vervollständigt die Ausrüstung. Dann trennen sich die Wege, weil einige Freunde zur Oma fahren, manche bekommen Besuch, und ich fahre in die „Ostzone“ Oma besuchen. Sie wohnt in einem schönen Dorf am See. Ich falle vom Pferd, verirre mich mit dem Fahrrad, schlafe in der Hundehütte bei „Puma“ und gehe außerordentlich ungern aufs Plumpsklo wegen der Fliegen. Nach den Ferien gibt es immer viel zu erzählen, Rinnert hat Hochkonjunktur.
Der Lumpensammler zieht mit seinem Hund über das Kopfsteinpflaster, laut rattern die Räder. Das Pferd, das den Wagen ziehen muss, tut mir leid. Es schaut mich so traurig an. Der Scherenschleifer geht von Haus zu Haus.
Nur gucken
Die Stadterkundungen sind spannend; niemand ist vor uns sicher. Über Geschäfte in der Stadt gibt es Sprüche: „Zieh dich an bei Muckelmann, zieh dich aus bei Backhaus!“ Diesen Spruch kennt jeder. Wir wollen ihn prüfen. Bei Backhaus passiert es dann. Ein sehr würdiger Herr in feinem Tuch kommt, nein, schreitet auf mich zu. Was ich wolle, möchte er wissen. Eigentlich ja nur gucken, also stottere ich drauf los: „Ja - Herr Muckelmann - äh ... Back...“. Da nimmt er meine Hand und zeigt mir alles: „Hier liegen die Scheren, und hier die Stäbe zum Messen…“ Dann gibt er mir noch einen Lolli, und schon stehe ich wieder draußen. Überall in unserer Stadt ist es irgendwie schön…Unser Erzähler heute: Joachim Schmidt wurde 1947 in Emden geboren, er studierte in Kiel und war bis 2012 im Schuldienst tätig. Seit 1995 wohnt er in Frankfurt/Main.Wir fragen wieder: Wer erinnert sich an Begebenheiten von früher? Melden Sie sich bei uns. Unsere Mitarbeiterin Iris Hellmich, die diese Serie betreut, ist über
