Emden - Heinz Mammen und Helga Steiml kaufen mit Augenmaß ein, vermeiden überflüssige Verpackungen. Die beiden Nachbarn aus einem Wohnblock an der Friedrich-Rückert-Straße leben ganz bewusst so, dass möglichst wenig Abfall entsteht. Aus Überzeugung – und natürlich, um die Müllgebühren niedrig zu halten. Bislang klappte das bestens.
Nun aber soll ihr vorbildliches Verhalten plötzlich nichts mehr wert sein: Die Hausverwaltung krempelt die Müllentsorgung so um, dass den Mietern deutlich höhere Kosten drohen. Im Mittelpunkt der Optimierung, wie die „Zentral Boden Vermietung und Verwaltung GmbH“ (ZBVV) ihr Vorgehen nennt, steht die Einführung neuer großer Gemeinschaftsmülltonnen.
Wie lief es bisher mit dem Müll ?
Jeder Mieter der ZBVV, die im Emder Stadtteil Barenburg eine ganze Reihe von Wohnungen verwaltet, hatte bislang drei eigene 120-Liter-Mülltonnen in seinem Keller stehen. Die Tonnen sind Standard in Emden, es gibt sie für Restabfall (grau, gebührenpflichtige Abfuhr), Verkaufsverpackungen (gelb, kostenlose Abfuhr) und Papier (blau, ebenfalls kostenlos, auch in der Größe 240 Liter).
Die Tonnen für Restabfall sind mit Schlössern versehen, ein Chip an der „Grauen Tonne“ erlaubt es dem Bordcomputer des Müllfahrzeugs, die Tonne zuzuordnen. Vor und nach der Leerung wird gewogen. Im Normalfall führt dieses System zu einer kilogrammgenauen Berechnung der individuellen jährlichen Müllgebühren. „Das hat hervorragend funktioniert“, sagt Helga Steiml.
Wie sieht das neue System aus ?
Statt der kleinen Tonnen werden künftig 1100-Liter-Behälter verwendet. Eine personalisierte Messung der abgefahrenen Müllmenge wird nicht mehr möglich sein. Sehr wahrscheinlich müssen Mieter wie Heinz Mammen und Helga Steiml künftig deutlich mehr bezahlen. Der 93-jährige Mammen, der am 1. Dezember 1957 in den Neubau mit der Hausnummer 3 einzog, ist empört. Er selbst zahlt bislang jährlich 89,91 Euro – weniger geht nicht in Emden. Mammen im Gespräch mit dieser Zeitung: „Einer meiner Nachbarn hat Katzen. Durch das Katzenstreu, dass er über die Restabfalltonne entsorgt, kommt er auf 350 bis 370 Euro im Jahr.“ Die Befürchtung des Rentners: Die gesamte Müllmenge, die innerhalb eines Jahres anfällt, wird durch die Zahl der Mieter geteilt. Mammen: „Da ist doch ganz klar, dass ich in Zukunft deutlich mehr bezahlen muss, andere dafür weniger.“
Was sagt die Hausverwaltung zu den Sorgen der Mieter ?
Die kurze Antwort lautet: Nichts! „Wir bekommen keine Antworten auf unsere Fragen“, sagt ein Mieter, der namentlich nicht genannt werden möchte. Dass die ZBVV in ihren „Rundschreiben an alle Mieter“ regelmäßig verspricht, bei Rückfragen „gerne zur Verfügung“ zu stehen, nehmen die Mieter schon lange nicht mehr ernst. In diesem Fall bringt sie das Schweigen des Unternehmens besonders auf die Palme: Mit keiner Silbe erklärte man ihnen bislang, wie eine korrekte Berechnung der Müllgebühren erfolgen soll. Und auch die Frage der Emder Zeitung, wie Mieter mit sehr geringem Müllaufkommen geschützt werden können, blieb bislang unbeantwortet.
Am Dienstagnachmittag wurden auf beiden Seiten der Friedrich-Rückert-Straße neue große Mülltonnen aufgestellt – prompt öffnete der Wind die Klappen. Jedermann kann hier Müll einwerfen. Vorgesehen war eigentlich ein anderer Standort.
Jahrzehntelang stellten sie faire Müllgebühren sicher: Heinz Mammen blickt im Keller auf seine bisher genutzten Mülltonnen.
Welche Probleme sehen die Mieter noch ?
Sie rechnen fest damit, dass sich in der Umgebung der Tonnen Dreck sammeln wird. Auch müssen – so, wie die 1100-Liter-Kübel jetzt stehen – die Bewohner des Erdgeschosses vor allem im Sommer mit Geruchsbelästigung rechnen. Laut wird es das ganze Jahr über sein. Eine weitere Befürchtung: Fremde werden ihren Abfall in den Tonnen entsorgen. Und tatsächlich: Es ist ein Leichtes, das im Vorbeigehen zu erledigen. Die Tonnen stehen durchweg direkt am Bürgersteig, an den Klappen gibt es keinerlei Sicherungen. Schon der kräftige Wind, der am Dienstag wehte, öffnete die Klappen mühelos. Die Sorgen sind also ganz offensichtlich berechtigt.
Außerdem können die Mieter auf Erfahrungen aus den 1990er Jahren verweisen. Die damalige Hausverwaltung führte 1995 ebenfalls Gemeinschaftstonnen ein – und kehrte im Oktober 1996 zur alten Lösung zurück. Heinz Mammen: „Das alles endete in einem Chaos. Sogar von außerhalb wurde mit Pkw alles Mögliche angefahren und abgeladen.“ Auch finanziell war die Neuregelung für die Mieter ein Desaster. Heinz Mammen: „In den letzten acht Jahren vor der Neuregelung hatte ich einen Mittelwert von 93,31 D-Mark pro Abrechnungsjahr. Alleine für das Jahr 1995 sollte ich dann 678,96 DM zahlen, also 585,65 DM mehr.“ Wie man solche Ungerechtigkeiten vermeiden will, hat die Hausverwaltung bislang nicht dargelegt.
Hilft die Politik den Barenburger Mietern ?
Bei der Kontaktaufnahme mit Politik und Verwaltung erlebten die Mieter aus der Friedrich-Rückert-Straße 3 ebenfalls Enttäuschungen. Der Bau- und Entsorgungsbetrieb Emden (BEE) verweist darauf, dass die Wahl der Abfallbehälter Sache der Hausverwaltung ist, man habe darauf keinen Einfluss. Das akzeptiert man zähneknirschend. Den Brief von Oberbürgermeister Tim Kruithoff, der Heinz Mammen gestern erreichte, allerdings nicht. Er habe den Antworten, die die Verwaltung Mammen bislang gegeben habe, „in der Sache nichts hinzuzufügen“, schreibt Kruithoff. Der 93-Jährige ist enttäuscht – hatte er doch erwartet, dass „die Stadt Emden die Interessen ihrer Bürger vertritt“. Hoffnung besteht allerdings: Ein Blick in Zeitungsberichte aus den Jahren 1995 und 1996 macht deutlich, dass es der Emder Politik nicht lange gelingen wird, das Thema zu ignorieren.
