Emden - Andampfen kann man mit ihr nicht. Das ist schließlich schwer möglich bei einer Diesellokomotive. Und doch ist sie etwas ganz Besonderes, ein Stück Bahn- und Vereinsgeschichte in einem: die alte V200 der Emder Modelldampffreunde. Die Jugendgruppe des Vereins hat das ziemlich ramponierte Gefährt zu ihrem großen Gemeinschaftsprojekt gemacht. Die Jugendlichen wollen das rote Kraftpaket – das Original brachte es mit seinen zwei Maybach-Dieselmotoren auf 2200 PS – wieder „fahrbereit und schön machen“, sagt Jannik Bloem (24) im Gespräch mit unserer Redaktion. Ein lohnenswertes Unterfangen, denn es handelt sich um die erste selbst gebaute Lok des Vereins aus dem Jahr 1995.
Riesige Spendenbox
Doch im Moment fehlt das Geld dafür. Dabei klingt die erforderliche Summe für die Lok-Sanierung – etwa 650 Euro sind veranschlagt – eher überschaubar, allerdings nicht für den Verein. „Wir kämpfen um jeden Euro,“ sagt Jannik Bloem, gelernter Tischler, der jetzt Soziale Arbeit studiert. Er verweist auf die laufenden Kosten für Strom und Versicherungen. Hinzu kommt: Die Pandemie hat die Einnahmequellen – kein Andampfen, keine Fahrtage mit Publikum – über einen längeren Zeitraum versiegen lassen. Deshalb wurde die V200 kurzerhand in eine 1,80 Meter lange Spendenbox umfunktioniert. Zum Saisonauftakt Ende April haben Besucher auch schon einige Scheine und Münzen eingeworfen. „Es kommt etwas zusammen, wir sind da ganz optimistisch“, lächelt Bloem, mag einen genauen Zwischenstand aber noch nicht nennen.
Diese Lokomotive wurde ab 1953 von Krauss-Maffei gebaut, die 2200 PS starke V200.0 bis zum Jahr 1959 (80 Stück), die stärkere Variante V200.1 (2700 PS) ab 1962 bis 1965 (50 Stück).
Sie zog vor allem Schnellzüge (Höchstgeschwindigkeit 140 km/h), aber auch einige der letzten Erzzüge in Emden. Zuletzt eingesetzt wurde die Baureihe V200.1 im Ruhrgebiet für schwere Güterzüge.
Die zunehmende Elektrifizierung verdrängte diesen Lok-Typ.
Die Ausmusterung erfolgte 1984 beziehungsweise 1987/88.
Die Jugendgruppe würde am liebsten sofort loslegen. Timo Macagnino (16) ist einer von acht jungen Modelldampffreunden und mit Eifer dabei. „Wir lernen hier viel über den Bahnbetrieb, über Bau und Reparatur. Das ist schon eine Vorausbildung“, sagt der junge Mann, der die Realschule in Großheide besucht und in Wirdum lebt, wo er zu Hause auf dem Küchentisch mit seinem Vater große Schiffsmodelle baut. Schiffsmechaniker will er werden, hat schon mal ein Praktikum bei der Emder Schlepp Betrieb GmbH gemacht. Da mussten an Bord einmal Zylinder ausgetauscht werden, erzählt Timo. „Was ich im Verein gelernt habe, war dabei sehr hilfreich. Hier wird echtes handwerkliches Können vermittelt.“
Berufliche Verbindungen
Wollen gemeinsam mit andere Jugendlichen aus dem Verein möglichst schnell loslegen: Tobias Weerts (18), Jannik Bloem (24), Timo Macagnino (16) und ihr Lok-Modell.
Nicht wenige Vereinsmitglieder sind beruflich mit der Bahn verbunden oder liebäugeln mit einem Berufseinstieg dort. Oder sie sind Handwerker, wie Georg Buss (74), Elektriker und Vereinsmitglied der ersten Stunde. Er lernte auf den Nordseewerken und war 36 Jahre lang Betriebselektriker bei VW. Seine Erfahrung ist eine Menge wert. „Wenn die jungen Leute mich fragen, helfe ich gerne“, sagt Buss.
Und Fragen wird es sicherlich geben bei der V200, denn hier spielt die Elektrik eine wichtige Rolle. Zwei 12-Volt-Batterien speisen die beiden Elektromotoren. Das muss komplett erneuert werden. Neu kommen auch die zwei Drehgestelle vorne und hinten, an denen jeweils zwei Achsen montiert sind. Aber auch an der Karosserie ist einiges zu machen. Details wie Lampen, Lüftungsgitter, Fenster und Scheibenwischer sind unübersehbar in die Jahre gekommen, von der Lackierung ganz zu schweigen. Doch die junge Truppe schreckt all das offenbar nicht: „Das kriegen wir hin“, ist Timo Macagnino überzeugt.
Zurück aus dem Ökowerk
Dass die Lokomotive in einem so schlechten Zustand ist, liegt daran, dass sie viele Jahre ohne großen Schutz im Borssumer Ökowerk als Schaumodell stand. Dorthin hatte sie Mitte der 1990er Dietrich Engelberts gebracht, Mitinitiator der Minibahn im Ökowerk und der Gleisanlagen an der Denkmallok am Hauptbahnhof – angeblich, weil er damals für die Modellbahn am Bahnhof keine Perspektive mehr sah. Ernst Richter, nicht nur Mitglied der Freunde der Seefahrt, sondern auch Modelldampffreund seit Beginn, holte sie jetzt zurück. Seit Anfang 2021 gehört die V200 wieder zum zehn Dampf- und acht Elektro-Loks zählenden Vereins-Fuhrpark.
Pünktlich zum 30-jährigen Bestehen des Vereins 2025 soll die Diesellok aufpoliert und neu motorisiert über die Gleise am Bahnhofsbunker rollen, formuliert Jannik Bloem das Ziel. Dann haben die Modelldampffreunde eine Attraktion mehr zu bieten.
Wer im Verein mitmachen will, kann immer mittwochs zum wöchentlichen Treffen (16 bis 19 Uhr) oder zum Fahrtag kommen, immer sonntags von 10 bis 17 Uhr. Weitere Informationen unter:
