Emden - Manch alte Delft-Keramik wäre wohl schon vor 120 Jahren sang- und klanglos aus den Krummhörner Wohnstuben verschwunden oder spätestens beim Polterabend zu Bruch gegangen, wenn Sanitätsrat Dr. Sunke Herlyn (1868-1947) nicht gewesen wäre. Als der aus einer Landwirtfamilie vom Uplewarder Grashaus stammende Mediziner 1893 nach Pewsum zog, um die Gegend als Landarzt und Geburtshelfer zu betreuen, da führten ihn seine Hausbesuche auf manchen Hof, wo Uropas Holland-Porzellan gerade nicht mehr so hoch im Kurs stand. Doch Herlyn gefielen die Vasen, Teller und Figuren in Blau-Weiß. Er erwarb und sammelte sie. Und genau davon profitiert jetzt das Ostfriesische Landesmuseum in Emden.
70-teilige Schenkung
Rund 70 Objekte – und damit ein großer Teil der Sammlung, die später auf die vier nicht in Ostfriesland lebenden Enkel aufgeteilt wurde – sind per Schenkung an den Verein 1820 die Kunst in den Bestand des Museums übergegangen. „Drei der Geschwister haben gesagt, wir geben unseren Anteil an das Landesmuseum, damit die Stücke wieder dort sind, wo der Großvater sie einst zusammengetragen hat“, sagte Kunsthistorikerin Dr. Annette Kanzenbach bei der Präsentation am Montag im Museumsfoyer. Dort bilden jetzt sieben besonders ausgewählte Stücke quasi ein Guckfenster hinein in die Schenkung.
Blick in die gute Stube von Sanitätsrat Dr. Sunke Herlyn (1868-1947). Dort präsentierte der praktische Arzt gerne jene Fundstücke, die er bei seinen Hausbesuchen in der Krummhörn entdeckt und erworben hatte.
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Beim Aufbau: Dr. Annette Kanzenbach mit einem obstschalengroßen Delfter Fayence-Teller im chinesischen Stil aus dem späten 17. Jahrhundert.
Gaby Wolf
Sieben ausgewählte Stücke werden jetzt im Foyer präsentiert. Hier Kunsthistorikerin Dr. Annette Kanzenbach beim Aufbau, beobachtet von Museumsdirektorin Jasmin Alley und Gregor Strelow vom Verein 1820 die Kunst.
Gaby Wolf
Schenkung an das Ostfriesische Landesmuseum Emden: Hier zwei Trichtervasen, die die Marke der Delfter Manufaktur „De Porceleyne Bijl“ tragen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind die chinesischen Vorbilder vielfach mit europäischen Zierformen verbunden.
Gaby Wolf
Ein besonderes Faible hatte der Sammler für Friesische Kühe, die auch mal bunt bemalt sein durften.
Gaby WolfDie meisten sind – wie auch der Großteil der Sammlung – von den großen Manufakturen im niederländischen Delft gemarkt, das sich im 17. Jahrhundert zu einem Zentrum der Keramikproduktion entwickelte. Zur Blütezeit gab es dort mehr als 20 Werkstätten. Dabei wurden – bevor sich alles durchmischte – zunächst Keramiken produziert, die das viel bewunderte chinesische Porzellan nachahmten und gern als edle Schaustücke in der guten Stube platziert wurden. Solch ein Imitat – ein großer Teller aus dem späten 17. Jahrhundert mit einer chinesischen Figurenszene findet sich auch in der kleinen Foyer-Ausstellung. Fast noch faszinierender findet Kanzenbach aber den Teller daneben, ein Beispiel für Friesische Majolika. Diese Tonware wurde vor allem in Harlingen hergestellt und mit regionalen Motiven bemalt. „Sie wirkt gröber und wurde mehr benutzt, ist aber gerade deshalb heute nicht mehr so häufig erhalten.“
Im Krieg viel kaputtgegangen
Der Marktwert von Porzellan und Keramik ist allerdings gerade im Keller. Doch was die Herlyn’sche Schenkung für Kanzenbach und Direktorin Alley so besonders macht, ist sowieso etwas anderes: Bis vor Kurzem hatte das Landesmuseum kaum eigene Fayence-Objekte. Im Krieg ist fast alles kaputtgegangen. Erst durch die Pfauenteller-Sammlung des 2019 verstorbenen Glockenspiel- und Delftspucker-Stifters Bernhard Brahms kam wieder vorzeigbares Delfter Blau in den Bestand. Das wird jetzt ergänzt um Stücke, die nachweislich aus ostfriesischem Besitz „gleich um die Ecke“ stammen. Jasmin Alley findet dabei die kulturhistorischen Verflechtungen spannend, wie die hoch entwickelte Porzellankunst Chinas Einfluss in der Heimat fand. Gleichzeitig, so ergänzte Kanzenbach, ließen die Herlyn’schen Stücke direkte Rückschlüsse auf damalige Vorlieben in der ostfriesischen Bevölkerung zu.
Vorlieben gab es auch beim Sammler selbst. Gern wäre dessen Enkel Dr. Sunke Herlyn, Architekt aus Bremen, bei der Übergabe am Montag dabei gewesen, um darüber noch ein bisschen mehr zu plaudern. Eine Erkrankung kam dazwischen. Dass der Großvater aber eine Figur ganz besonders gern gesammelt hat, tritt nach Ansicht Kanzenbachs beim Blick auf die Schenkung auch so schon klar hervor: die Friesische Kuh.
