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Personalnot in der Gastronomie In Greetsiel entscheidet das Personal teils selbst über seinen Dienstplan

Die Tische sind voll, aber Personal ist knapp: die Greetsieler Restaurantmeile am Alten Siel.

Die Tische sind voll, aber Personal ist knapp: die Greetsieler Restaurantmeile am Alten Siel.

Axel Pries

Greetsiel - Die Sonne lacht, die Besucher strömen: beste Voraussetzungen für eitel Sonnenschein in der Greetsieler Gastronomie. Sollte man meinen. Doch Hotel- und Restaurantbetreiber haben nach zwei Jahren Corona-Pandemie ein anderes Problem als launisches Wetter: akute Personalnot. Es soll in Ostfriesland Betriebe geben, die mangels Personal schließen mussten, und Ruhetage in der brummenden Saison sind normal. Gastronomen haben aber daraus gelernt, erfährt, wer nachfragt. „Geld ist nicht alles“, fasst Karsten Eilers eine Erkenntnis zusammen. „Freizeit ist das höchste Gut!“

Neue Arbeitszeiten

Das Problem des Personalmangels sei in der Gastronomie immer noch weit verbreitet, bestätigt auch Erich Wagner, Vorsitzender im DEHOGA-Bezirksverband Ostfriesland, dem fast 700 Betriebe angehören. Manche von ihnen seien in ernsthafte Probleme geraten, weil Mitarbeiter in andere Berufe abwanderten. Inzwischen versuchten die Gastronomen aber neue Arbeitszeitmodelle, um den Beruf attraktiver zu gestalten, denn die Arbeitszeiten gelten als Haupthemmnis. „Einige Betriebe probieren, ob die Mitarbeiter selbst Dienstpläne machen können. Das klappt ganz gut.“

Er ist Inhaber der Hotel-Restaurants „Witthus“ und „Hohes Haus“ und hat in 25 Jahren manche Veränderungen im Tourismus des Dorfes miterlebt. So seien die gestiegenen Anforderungen, die seitens der Mitarbeiterschaft an Gastronomie-Arbeitsplätze gestellt werden, nicht nur eine Folge von Corona: „Das ist der Zug der Zeit.“ Aber die Monate im ersten Lockdown 2020 ließen manche zwangsbeurlaubten Mitarbeiter in andere Berufe abwandern. Sie standen 2021 nicht mehr zur Verfügung – schon da gab es trotz Supersaison Einschränkungen.

In die Kurzarbeit

„Das ist der Zug der Zeit“: Karsten Eilers erklärt einen Hintergrund des Personalmangels. Bild: aep

„Das ist der Zug der Zeit“: Karsten Eilers erklärt einen Hintergrund des Personalmangels. Bild: aep

Durch die starken Einschränkungen im Winter war Erfindergeist gefragt. Auch seine beiden Häuser mussten den Betrieb weitgehend einstellen – ohne zu wissen, wie lange. „Aber wir haben trotzdem schon im Dezember Leute gesucht und eingestellt.“ Die starteten mit Kurzarbeit, aber waren vorhanden. Auch um die sechs Auszubildenden musste sich gekümmert werden: „Für die Azubis haben wir eine Notbetreuung organisiert.“ Alles, um einen Personalstamm zu halten, der zur neuen Saison zur Verfügung stehen würde. Die Mühe hatte durchaus Erfolg, sagt der 56-Jährige. Nur „einen Ticken schlechter“ als in früheren Jahren stehe er da – allerdings für die Anforderungen einer Saison wie 2021 doch deutlich schlechter. Daher suche er noch Personal: zwei oder drei Köche, dazu Service- und Zimmerkräfte, um einen Sieben-Tage-Betrieb einrichten zu können. Beide Häuser sind aktuell einen Tag in der Woche zu. Im Haus sind Arbeitszeiten jetzt ein großes Thema. „Ich frage, wer bereit ist, eine sechs-Tage-Woche zu machen, und danach richte ich den Dienstplan aus“, erzählt Karsten Eilers. Mehr noch: Dem Küchenpersonal habe er die Gestaltung der Dienstpläne gänzlich in eigene Hände gegeben. So möchte er das Personal halten.

Größer noch ist die Personalknappheit gegenüber am Alten Siel in der Greetsieler Börse. Das beliebte Hotel-Restaurant hat aktuell gleich zwei Ruhetage. „Anders ist das nicht zu machen“, sagt der Inhaber Bernd Hilbig, dessen eigene Arbeitstage dadurch immer länger werden. Auch er habe sich früh und intensiv um Mitarbeiter bemüht: „Wir vergeben sogar Tankgutscheine für Leute, die von außerhalb kommen.“ Aber für einen richtigen, durchgehenden Saisonbetrieb bräuchte er glatt doppelt so viel Personal. Er sieht auch ein Mentalitätsproblem hinter der Entwicklung: Gastro-Arbeitsplätze seien immer weniger gefragt.

Fünf-Tage-Woche?

„Es ist praktisch nichts zu finden“: Ralf Artz über die aktuelle Personal-Situation. Bild: aep

„Es ist praktisch nichts zu finden“: Ralf Artz über die aktuelle Personal-Situation. Bild: aep

Ein kleines Wunder scheint den Betreibern des Hotel-Restaurants Zum Alten Siel gelungen zu sein: Es hat an sieben Tagen geöffnet. „Wir haben schon im November im beginnenden Lockdown Leute eingestellt“, erklärt Ralf Artz aus der Betreiber-Familie, der das Restaurant leitet. Der Betrieb sei bei der Suche so erfolgreich gewesen, dass man jetzt versuche, für möglichst viel Personal eine fünf-Tage-Woche einzurichten und trotzdem ohne Ruhetage auszukommen. Die Inhaber stellten aber auch fest: „Wenn man heute Leute sucht, ist praktisch nichts zu finden.“ Der Kollege Karsten Eilers blickt dennoch optimistisch in die neue Saison. Und er sieht die Gastronomie in der Pflicht: „Es liegt jetzt an uns, den Beruf attraktiver zu gestalten.“

Axel Pries
Axel Pries Ostfriesland-Redaktion/Leer
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