Emden - Die Ringstraße ist der Boulevard der großen Emder Reedereien. Jedes Unternehmen, das im frühen 20. Jahrhundert etwas auf sich hält, richtet sein Kontor in der repräsentativen Straße ein. So auch die Elbia-Eilfracht, von der vergangene Woche bereits in dieser Serie berichtet wurde.
In der Ringstraße hat auch die 1921 gegründete Binnenschiff-Reederei, in der bis in die 1980er-Jahre Partikuliere genossenschaftlich organisiert sind, ihr Büro. Von dort aus sorgt Elbia-Geschäftsführer August Dröge (1919-1997) dafür, dass die Binnenschiffe möglichst nie ohne Fracht unterwegs sind. Denn jede Fahrt ohne Ladung kostet die Schiffer eine Stange Geld. Dröges Job ist es damals also, Kunden und Frachtraum zusammenzuführen. Ein Management-Posten, den der Emder von der Pike auf gelernt hat. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg ist er als kaufmännischer Angestellter Teil der Elbia-Familie. Der Zweite Weltkrieg unterbricht seine Laufbahn jedoch jäh: Dröge muss in den Krieg, den er als Luftwaffen-Feldwebel überlebt. Zum 1. August 1946 nimmt er seine Arbeit bei der Elbia wieder auf, zunächst als Angestellter unter Geschäftsführer Salje. Als der 1954 nach Ruhrort wechselt, wird August Dröge Geschäftsführer. Ein ordentlicher Aufstieg, wie er so typisch für die Wirtschaftswunder-Zeit ist.
Schluck und Schnittchen: Die Führungs-Riege Emder Firmen lässt es sich anlässlich der Jungfernfahrt von „Rolf“ gutgehen. Von links: Harm Agena (Rhenus AG), Bernhard Reusmann (Fisser und van Doornum), August Dröge (Elbia) und Mansholt (Fisser und van Doornum). Bild: Sammlung Marten Klose
Dröges Bürostuhl steht damals im Erdgeschoss des markanten Eckhauses. Im Oberschoss lebt der Kaufmann mit seiner Frau Anni und den beiden Töchtern. In der Geschäftsstelle herrscht stets helle Aufregung, wenn ein Schiff aus irgendwelchen Gründen länger im Hafen bleiben oder eine Leer-Tour antreten muss. Ebenso turbulent geht es zu, wenn die Höllenmaschine anspringt: Ein monströser Fernschreiber, der immer dann zum ohrenbetäubenden Leben erwacht, wenn ein Fernschreiben einläuft.
Ringstraße 12/Ecke Mittelwallstraße: Das Elbia-Haus mit dem markanten Erker. Darauf stehen die Dependancen Hannover, Duisburg, Emden und Bremen. Bild: Marten Klose
Die Schiffer und ihre Familien gehen in dem Kontor ein und aus: Sie holen ihre Post aus den Fächern oder nutzen das Telefon. Der Kontakt zwischen Dröge und seinen Schiffern ist all die Jahre über eng und herzlich. Besuche an Bord sind an der Tagesordnung. Die Binnenschiffe machen damals vor allem im Bereich des Schifferweges fest. Möchte Dröge an Bord, muss er zunächst zu Fuß durch eine Baracken-Siedlung. Ein krasser Gegensatz zum Ringstraßen-Kontorhaus am Boulevard der Reedereien.
