Emden - Insider sprechen von einem nur noch eingeschränkt einsatzbereiten Rettungsdienst in Emden, die Stadtspitze räumt gravierende Personalprobleme und die Gefahr einer weiteren Verschlechterung ein. Und die Politik rührt sich nicht. Zumindest nicht öffentlich. Eine Erklärung dafür: Eine Situation wie diese, in der Rettungswagen zeitweise nicht mehr besetzt werden können und nicht immer die vorgeschriebene Besatzung an Bord ist, war für alle absehbar.
Spätestens vor fünf Jahren muss den Fraktionen im Emder Rat klar gewesen sein, in welche Richtung der Emder Rettungsdienst steuert: an die Wand. Am 10. August 2017 appellierte Holger Rodiek, Geschäftsführer des Rettungsdienstes RKsH, leidenschaftlich an die Politikerinnen und Politiker, sich intensiv mit den Personalproblemen des Rettungsdienstes zu befassen. Der Verein für Rettungsdienst, Krankentransport und soziale Hilfsdienste sowie der Rettungsdienst DRK/Stadt Emden sind die beiden großen Dienstleister im Emder Rettungsdienst.
Eindeutige Zahlen
Im Rechnungsprüfungsausschuss legte Rodiek damals Zahlen vor, die einen dramatischen Rückgang der Ausbildung im Emder Rettungsdienst seit 2014 verdeutlichten. Damals übernahmen die Krankenkassen die Kosten der Ausbildung, die bis dahin die Auszubildenden selbst getragen hatten. Die Neuregelung wäre kein Problem gewesen, hätten die Kassen nicht auch in diesem Bereich gehandelt, wie Krankenkassen eigentlich immer vorgehen: Die Kosten sollten möglichst gering gehalten werden. Die Zahl der Auszubildenden, die die Rettungsdienste auf dieser Abrechnungsbasis einstellen durften, wurde deshalb drastisch gesenkt.
Im Ausschuss nannte Holger Rodiek damals Daten, die für sich sprechen. So wurden vom RKsH von 2009 bis 2014 35 Azubis ausgebildet, in den darauf folgenden sechs Jahren (so damals die Schätzung bis 2020) würden es nur vier sein. Dass die Emder Politik dieses von außen eingetragene Problem alleine nicht lösen kann, ist Rodiek natürlich klar.
Eine Riesenlücke
Gegenüber dieser Redaktion wollte der RKsH-Geschäftsführer und -Mitgründer die aktuelle Situation zwar zunächst nicht kommentieren, weil zum Zeitpunkt des Gespräches eine Stellungnahme des Rettungsdienstträgers (Stadt Emden) noch ausstand. Er machte aber deutlich, dass er angesichts seiner 2017 geäußerten und später mehrfach wiederholten Warnung trotzdem mehr Interesse und Engagement erwartet hätte. „Ich habe damals klar gesagt, dass in der gesamten Personalstruktur der Rettungsdienste eine Riesenlücke entstehen wird“, so Rodiek. Bundesweit fehlen mittlerweile geschätzt rund 20 000 Notfallsanitäter.
Besondere Belastung
Dass die seit Jahren niedrige Zahl der Auszubildenden nicht ausreicht, hängt auch mit der besonderen Belastung zusammen, der die Mitarbeiter im Rettungsdienst ausgesetzt sind. Sowohl körperlich als auch mental leisten sie täglich Schwerstarbeit. Das führt dazu, dass viele Mitarbeiter nach einigen Jahren für immer aus dem Rettungswagen aussteigen. In Kassenkreisen geht man dagegen offenbar davon aus, dass das üblicherweise erst mit Erreichen des Rentenalters geschieht. Eine fatale Fehleinschätzung sei das, so Holger Rodiek.
Eine weitere Verschärfung der Situation wird zum Jahreswechsel erwartet. Dann läuft eine Übergangsphase aus, in der an Stelle des vorgeschriebenen Notfallsanitäters ein Rettungsassistent der am höchsten qualifizierte Retter in der Besatzung eines Rettungswagens (RTW) sein darf. Der Notfallsanitäter durchläuft eine dreijährige Ausbildung. Die Ausbildung zum Rettungsassistenten, die 2014 auslief, dauerte zwei Jahre.
