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Ärger mit der Gemeinde Traditions-Schuhhaus in Pewsum schließt nach 74 Jahren

Ein schmerzhafter Anblick: Helene Praxmarer geht durch den leeren Verkaufsraum. Den Anblick könne sie kaum ertragen, sagt sie, deswegen wolle sie auch nicht in die Kamera gucken.

Ein schmerzhafter Anblick: Helene Praxmarer geht durch den leeren Verkaufsraum. Den Anblick könne sie kaum ertragen, sagt sie, deswegen wolle sie auch nicht in die Kamera gucken.

Bild: Saathoff

Pewsum - Eine 74-jährige Einzelhandelsgeschichte in Pewsum endet dieser Tage. Das Schuhhaus Bäsemann/Praxmarer hat geschlossen. Jahrzehntelang bekannt als Schuhhaus Ulferts, später Ulferts/Praxmarer. Nun steht Mitinhaberin Helene Praxmarer ein letztes Mal in der Immobilie – und ist sauer auf die Gemeinde, denn die Schließung sei abwendbar gewesen, sagt sie.

Die Verkaufsräume neben dem ehemaligen Edeka-Markt an der Manningaburg sind längst leer. Im Aufenthaltsraum stehen nur noch ein paar Stühle, zwei Tische. Für Praxmarer ein Anblick, der ihr weh tut, wie sie im Gespräch mit dieser Zeitung sagt. „Alleine der große Verkaufsraum ist über 300 Quadratmeter groß, damit hätte man doch richtig was machen können“, sagt sie. Das aber sei nicht geschehen. Bis Montag, 28. Februar, hat sie Zeit, die letzten Erinnerungen an das traditionelle Geschäft in Pewsum raus zu räumen. Dann soll sie ihren Schlüssel abgeben.

Längerer Verkaufsprozess

Das Schuhhaus

1948 gründete Frerich Ulferts das Geschäft. Damals noch in Woquard, wo die Familie auch ein Lebensmittelgeschäft führte.

Das erste verkaufte Paar war ein Paar US-amerikanischer Soldatenstiefel.

Kurz nach Beginn des Schuhverkaufs übernahm Frerich Ulferts das Schuhgeschäft von Schultz und Sohn. In der Cirksenastraße in Pewsum. 30 Quadratmeter war das Geschäft groß, eine Werkstatt gehörte dazu.

Im Winter 1965/66 zog das Schuhhaus erneut um. Die bisherige Bleibe war zu klein geworden, das Geschäft wechselte in den Sitz des ehemaligen Geschäfts von „Lebensmittel Warns“ in der Cirksenastraße.

Die ehemalige Mitinhaberin Helene Praxmarer war seit 1964 dabei. Als Auszubildende.

1974 expandierte die Firma. Ein Geschäft mit preiswerten Modellen auf 200 Quadratmetern in der Manningastraße 5 kam dazu: PIX-Schuh.

Am 1. September 1994 wurde die Firma in eine OHG umgewandelt – und Helene Praxmarer wurde Mitinhaberin. 2004 später wurde sie Alleininhaberin.

2011 kam Janina Bäsemann als Mitinhaberin dazu. Beide führten das Geschäft bis zuletzt.

Der Schließung sei ein längerer Verkaufsprozess voraus gegangen. Bereits im vergangenen Jahr habe sie erfahren, dass die Besitzerin des Geschäfts ihre Immobilie verkaufen wolle und die Gemeinde Interesse bekundet habe. Zum Jahreswechsel habe sie dann erfahren, dass sie Ende Februar 2022 ihr Geschäft verlassen müsse. „Dabei hätte ich sehr gerne weiter gemacht.“ Zumal – selbst wenn die Gemeinde das Gebäude kaufen und langfristig abreißen wolle – man hätte ja eine Übergangsfrist einräumen können, sagt sie. „Aber da ist keiner von der Gemeinde auf uns zugekommen, um uns das zu ermöglichen.“

Sie sei „sehr enttäuscht“, wie die Gemeinde sich hier verhalten habe. „Frau Looden hat noch gesagt, wir müssten mal schauen“, erzählt sie. „Auf das Ergebnis von ’mal schauen’ warte ich noch.“ Jahrzehntelang sei Gewerbesteuer gezahlt worden „und nun lässt man uns hier so hängen.“ Und nicht nur sie, auch die Kunden. Das Schuhhaus habe sich im Laufe der Jahrzehnte einen breiten Kundenstamm aufgebaut. Vor allem Kinder mit ihren Eltern seien hier fündig geworden. „Wir hatten jede Menge hochqualitative Schuhe, auch für Kinder, die von Orthopäden Einlagen verschrieben bekamen. Wo sollen die denn nun passende Schuhe finden?“

„In Pewsum passiert nichts mehr“

Richtig überrascht habe sie die vermeintliche Untätigkeit der Gemeinde allerdings nicht. „Hier passiert doch seit Jahren in Pewsum nichts mehr.“ Es gebe kaum Gastronomie, kaum Geschäfte, kaum Freizeitmöglichkeiten. Selbst eine öffentliche Toilette habe Pewsum nicht mehr. „Schauen Sie sich mal Wiesmoor an, das sieht toll aus.“ Sie könne sich nicht vorstellen, dass es all das in Pewsum nicht gebe, nur weil es an Betreibern mangele. „Es gibt doch junge Leute, die gerne ein Geschäft eröffnen möchten.“ Die bräuchten aber Immobilien mit bezahlbaren Pachten und Aktionen im Ortskern. „Wozu haben wir eigentlich die Gemeinde?“

Gemeinde weist Vorwürfe zurück

Die reagiert auf die Vorwürfe zurückhaltend. Den Vorwurf der Untätigkeit lässt Pressesprecher Fritz Harders aber nicht gelten. Er verweist auf den neuen Edeka, die Umgestaltung des Marktplatzes, den Bau von Geschäfts- und Wohnhäusern in der Rathausstraße und den Ausbau des Familienzentrums. Auch an der Schließung des Schuhhauses sei die Gemeinde unschuldig, da sie zwar das Gebäude kaufen wolle – es aber noch nicht gekauft habe. Die Frage nach einer Übergangsfrist stelle sich daher gar nicht, so Harders. Auch die beiden beteiligten Bürgermeister, Alt-Bürgermeister Frank Baumann (SPD) und die neue Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos), hätten verschiedene Gespräche geführt – und konkrete Alternativstandorte genannt.

In den Reihen von Gewerbeverein und Ortsvorstehern löst die Schließung des Schuhhauses Bestürzung aus. „Generationen von Krummhörnern haben hier ihre Schuhe gekauft“, teilte Jasmin Wuttge als Pressesprecherin der Pewsumer Partner (PeP) mit. Daher sei die Schließung sehr bedauerlich. „Echt schade“, kommentiert Johann Schüller (SPD) als stellvertretender Ortsvorsteher die Situation. Das sagt auch die Gemeinde. „Für das innerörtliche Angebot ist das zweifellos ein Verlust.“

Peter Saathoff
Peter Saathoff Emder Zeitung
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