Emden - In Emden hat sie Willkommenskultur schon gelebt, als den Begriff noch keiner richtig kannte und es die große Flüchtlingswelle durch den Syrien-Krieg noch nicht gab – geschweige denn Putins Überfall auf die Ukraine. Doch mit ihrem neuesten Projekt zum Thema Flucht betritt Sonja Ryll (70) komplettes Neuland. Die frühere Vorsitzende des Vereins Internationales Emden ist unter die Buch-Autoren gegangen und hat mit „Sei still und lauf!“ ihren ersten Roman veröffentlicht. Darin erzählt sie die Geschichte einer Familie mit kleinen Kindern, die das Schicksal auf die berüchtigte Balkon-Fluchtroute zwingt.
Begegnung bei Projekt
Den Anstoß dazu gab die Begegnung mit einer afghanischen Familie, die 2016 aus dem Iran floh und 2018 schließlich in Emden landet. Auf sie traf Sonja Ryll erstmals im Jahr 2019 im Rahmen eines Willkommensprojektes ihres Vereins mit dem Kinderschutzbund Niedersachsen: „Freunde schaffen alles“. Für Flüchtlingskinder und -familien wurden damals Hausaufgabenhilfen, Kennenlern-Angebote und gemeinsame Kultur- und Freizeitaktivitäten organisiert. Unter den vielen afghanischen Kindern und Familien, die daran teilnehmen, fiel Ryll aber diese eine Familie ganz besonders auf: Vater, Mutter, ein Junge und drei Mädchen.
Sonja Ryll ist 70 und in der DDR nahe Potsdam geboren. Nach dem Abitur an der „Spezialoberschule zur Vorbereitung auf das Russisch-Studium“ in Wiesenburg/Mark studierte sie in Erfurt, Rostow am Don und Ost-Berlin. Ihr Diplom als Lehrerin für Germanistik und Slawistik erhielt sie an der Humboldt-Universität.
22 Jahre lang war sie als Lehrerin tätig, erst im Schuldienst der DDR, später in der Erwachsenenbildung, zuletzt an der VHS Frankfurt/Oder.
Nach Emden kam sie 1999 der Liebe wegen. Seit 2001 arbeitet sie meist ehrenamtlich mit Flüchtlingen. Mit ihren Deutsch-Kursen für Asylbewerber legte sie den Grundstein für den Verein Internationales Emden, dem sie bis 2019 vorstand. Sie ist für die Stolpersteine aktiv, liest gern und macht Sport beim ISV.
„Sei still und lauf!“ ist ihr erster Roman. Ryll ist in zweiter Ehe verheiratet, hat drei Kinder und drei Enkel.
„Sie kamen immer ganz aus Larrelt, haben aber alles mitgemacht, bei jedem Wind und Wetter, und die Kinder haben nie geklagt und gestritten“, erzählt sie. „Das hat mich fasziniert.“ Doch gleichzeitig spürte sie: Da sitzt etwas tief verschlossen im Innern, Ängste, die rausmüssen. Als die Bekanntschaft mit der Weile enger wurde, habe sie dann mal vorsichtig nachgefragt: „Wollt ihr nicht mal erzählen, wie das war auf der Flucht und was da geschehen ist?“
Erst nur therapeutisch
Das sollte erst nur ein bisschen wie Therapie sein. Gerade für die Kinder, die inzwischen schon gut Deutsch konnten. Doch mit dem wachsenden Vertrauen öffneten sich auch die Eltern. Bei einem dieser Gespräche entfuhr Ryll dann die schicksalhafte Frage: „Soll ich davon mal ein Buch schreiben?“ Obwohl die frühere Deutsch-Lehrerin so etwas noch nie gemacht hatte. Doch die Familie war einverstanden.
„Gemeinsam sind wir dann gedanklich ihren Weg durch insgesamt acht Länder noch einmal gegangen.“ Angefangen bei der Vorgeschichte, warum schon die Eltern als Kind in den Iran fliehen mussten und wie der Syrien-Krieg nun aufs Neue ihre Familie bedrohte. Allerdings kam immer wieder Corona dazwischen. „Doch jedes Mal, wenn man sich draußen über den Weg lief, haben die Kinder gefragt: Was ist denn mit dem Buch? Wollen wir nicht weitererzählen“, erzählt Ryll lächelnd.
Extra mit Fernkurs
Allein mit Aufschreiben und begleitender Recherche im Internet war es aber nicht getan. Mit ihren Schreibanfängen war Ryll nämlich erst gar nicht zufrieden. Es galt, eine erzählerische Form für die vielen kaum fassbaren traumatischen Szenen zu finden. Gleichzeitig sollte die Familie vor Wiedererkennbarkeit und Voyeurismus geschützt werden. „Ich habe die Charaktere stark verfremdet, um manches deutlicher hervorheben zu können“, schildert Ryll. Wie das geht, musste sie aber erst lernen – und belegte daher extra parallel einen Fernkurs der Hamburger Schule des Schreibens, der etwa auch Figurenführung, Spannungsaufbau und Ablaufplanung vermittelte. Und noch etwas war Sonja Ryll wichtig, dass ihr Buch am Ende eine klare Botschaft spricht – dass es kein Kind auf der Welt verdient hat, flüchten zu müssen.Sonja Rylls Roman „Sei still und lauf! – Mit Kindern auf der Flucht“ ist unter dem Pseudonym Sofia Rahmani als Selbstpublikation im Verlag Books on Demand erschienen. Erhältlich ist das 432 Seiten starke Werk als gedrucktes Paperback (ISBN-13: 9783756863082) für 16,99 Euro, bestellbar in allen Buchhandlungen und auf www.bod.de/buchshop. Auch als E-Book kann man es bekommen. Der Reinerlös soll afghanischen Kindern zugutekommen.
