Emden - Wir wohnten in der Cirksenastraße 28, von der Stadt aus gesehen im zweiten Block hinter den Schienen. Meine Erinnerungen gehen in diese Zeit meiner Kinderjahre: Wir haben jetzt einen Zehn-Platten-Wechsler, 3-D-Klang, mit magischem Auge und einer Nadel zum Umschalten. So stehen Schellack-Platten biegsam und mit Hülle „Alte Kameraden“ neben Peter Kraus; „Lili Marleen“ neben „Der lachende Vagabund“ und „In Hamburg sind die Nächte lang“. Ich höre gern den „Fremdenlegionär“ von Freddy und kenne noch den Text: „Gefangen in maurischer Wüste, steht ein Krieger mit schwermüt’gem Blick…“. Und bei den Vettern in der Rückertstraße gibt es dann „Laila, nur die eine Nacht erwähne mich...“
Jod, Wick-Vaporub und Chinosol sind gut; alles andere ist Kappes“
Die Unfallkliniken in der näheren und etwas weiteren Umgebung sehen mich jetzt häufiger. Meine Mutter, die in Emden geborene Meti van Borssum, stammt aus einer großen Familie. Sie muss oft in Sorge um mich gewesen sein. Es riecht überall nach Äther. Einmal trägt der Doktor eine weiße Schürze aus Gummi – wie Mutti beim Wäsche waschen. Ich gerate unter ein Motorrad, falle rückwärts von der Schaukel, rutsche beim Balancieren aus und hacke mir mit dem Beil in den Finger. Ich werde geheftet, geklammert und genäht und beginne die Jodflasche zu schätzen. „Jod, Wick-Vaporub und Chinosol sind gut; alles andere ist Kappes“, sagt Papi.
Wir Kinder sammeln Flaschen und ergattern hier und dort einen Pfennig. „Trag nicht alles zu Rinnerts Bude“, höre ich Mutti sagen. Die grüne Bretterbude, in der es Süßigkeiten gibt, ist genau gegenüber von unserer Wohnung. Bäume klettern auf dem Wall ist beliebt. Jeder hat seinen Stamm-Baum. Und braungebrannt sehen wir, dass die Rauchschwaden in der Ferne zur Zeit der Kartoffelfeuer zunehmen. Es riecht nach verbranntem Stroh. Bald schon werden sich angespitzte Stöcke durch Kartoffeln bohren.
Zwischendurch immer wieder Feste
Und zwischendurch immer wieder Feste – Hochzeiten und Geburtstage, irgendwelche Anlässe zum Feiern. Immer Jubel, Trubel, Heiterkeit und bei Papi auch Heiserkeit vom vielen Singen, rauschende Ballnächte, Onkel Fredi mit der Quetsche, das Gesicht zu später Stunde leicht bis mittelschwer gerötet, Kuchen und Kakao, und die lieben, frechen Vettern aus der Rückertstraße treiben wie so oft ihren Schabernack mit mir. Wo haben sie in ihrer Wohnung eigentlich immer so viele Teller und die vielen Stühle gelagert, wenn gerade mal nicht gefeiert wird? Dynastien wie die große Familie der van Borssums fallen ein und es heißt „Legt die Mäntel man auf’ s Bett“. Die Großomas sitzen in der Ecke, eine Decke auf den Knien, und schauen und nicken in sanfter Gemütlichkeit dem Treiben zu.
Tante Greleins Hochzeit ist das absolut Größte an Hochzeit, was man sich überhaupt vorstellen kann. In der FT-Halle, wo Onkel Jasper van Borssum, genannt Appi, Platzwart ist, feiert der ganze RSV und ist präsent zur Hochzeitfestlichkeit. Fietje ist der unbezwingbare Torwart und von Beruf Müller. Seine blonden Locken fliegen beim Schunkeln zu „Rosamunde“ mit Kapelle – mein lieber Herr Gesangverein!
Geburtstagsvorbereitungen und Heldnsagen
Geburtstagsvorbereitungen werden getroffen. Es ist Juni, mein Geburtsmonat. Mutti knetet und rollt den Teig. Ich löffele ihr ab und zu dazwischen. Schokoladensoße mag ich am liebsten. „Die ist für den Marmorkuchen“, sagt Mutti. Dann soll es noch Kuchen-auf-kaltem-Wege geben. Von dem schaffen wir immer nur drei oder vier Stücke. Dann ist uns schlecht. Papi liest ein Buch, das er hinter der Rhein-Ems-Zeitung versteckt hält. Ha, ich habe es durchschaut, es ist mein Geburtstagsgeschenk: „Deutsche Heldensagen“. Wahrscheinlich badet er gerade mit Siegfried in Drachenblut. Und dann Hagens letzte Worte: „Nun wissen den Ort nunmehr Gott und ich allein, und keiner von uns beiden sagt es dir!“ Das sagt er zu Kriemhild, die gerade ihren Bruder, König Gunther, erschlagen hat. Wen ich einlade zum Kindergeburtstag? Helmut und Hans Georg natürlich, und Ulla, Gisela und Karla, vielleicht auch Horst, aber der ist eigentlich schon zu groß.
Zur Person: Joachim Schmidt wurde 1947 in Emden geboren, studierte in Kiel und war bis 2012 im Schuldienst tätig, Fächer Englisch und Deutsch. Seit 1995 wohnt er in Frankfurt am Main.
Wir fragen wieder: Wer erinnert sich an Begebenheiten von früher? Melden Sie sich bei uns. Unsere Mitarbeiterin Iris Hellmich, die diese Serie betreut, ist über Telefon 8900401 oder per E-Mail an emdererzaehlen@emderzeitung.de zu erreichen.
