Emden - Ganz Europa feiert am Freitag, 29. April, den Tag der Streuobstwiesen. Wirklich ganz Europa, wie es der BUND, das Streuobstwiesen-Bündnis Niedersachsen und der Hochstamm Deutschland e.V. anpreisen? Der Blick auf die interaktive Teilnehmerkarte im Internet zeigt: Emden und Ostfriesland sind in Sachen kreativer Action auf der Wiese noch ein weißer Fleck in der Landschaft.
Dabei hat gerade die Seehafenstadt neben privaten Apfelgärten sogar recht große Streuobstwiesen zu bieten: in Borssum beim Ökowerk etwa, das auch die städtischen Wiesen in Constantia, Uphusen und am Ems-Seitenkanal in Pflege hat. Dazu noch die, die der Verein „Blühendes Emden“ seit ein paar Jahren anlegt – wie zuletzt auf dem Kraftwerksgelände. Doch zum europaweiten Aktionstag 2022 haben weder der Verein um Imker und Obstsorten-Retter Manfred Hallwaß noch das Ökowerk Programm geplant, wie auf Nachfrage bestätigt wird. Allerdings: „Der Tag der Streuobstwiese ist in der Tat etwas, das wir im kommenden Jahr begehen möchten“, signalisierte Ökowerk-Geschäftsführerin Dr. Katharina Mohr.
Noch Nachholbedarf an Bürger-Info
„In diesem Jahr sind wir erst mal glücklich, dass wir nach Corona wieder neben den Kindergruppen auch sehr viele Erwachsenengruppen auf unserem eigenen Gelände haben“, sagte sie. Und auch dort sei die Apfelblüte gerade in ihrer schönsten Pracht zu sehen. Doch auch sie sieht noch Nachholbedarf in Sachen Öffentlichkeitsarbeit für die Emder Streuobstwiesen. Paradebeispiel: jene in Uphusen neben dem Friedhof.
Diese war über lange Jahre in Vergessenheit geraten, das von Entwässerungsgräben umgebene Gelände wucherte zu. Bis ein Leser 2012 die Zeitung auf die Spur setzte und die Stadt das Ökowerk ins Boot holte, das aus dem Dschungel wieder eine begehbare Obstwiese machte. Trotzdem ist vielen Emdern gar nicht klar, dass sie hier oder auch auf den anderen Stadt-Wiesen kleine Mengen für den Kuchen oder das Picknick sammeln dürfen. Mit dem Effekt, das in manchem Jahr viele Früchte ungenutzt blieben.
Der Tag der Streuobstwiese wurde 2021 auf Initiative der ARGE Streuobst und des Umweltdachverbandes aus Österreich ins Leben gerufen und findet europaweit am letzten Freitag im April statt. Dann stehen in vielen bedeutsamen Streuobst-Regionen wie der Bretagne und Normandie, in Luxemburg, Schwaben, der Schweiz, Österreich und Slowenien die Obstbäume in voller Blüte.
Ziel ist, mit vielfältigen Aktionen die Bedeutung von Streuobstwiesen für die Gesellschaft und für die Tier- und Pflanzenwelt hervorzuheben. Das können Schautage, Produktverkostungen, Streuobst-Rallyes und vieles mehr sein.
Aktionen sind unter www.orchardseverywhere.com im Internet zu finden.
Als es im letzten September dann aber von der Stadt einen öffentlichen Hinweis zur Erntemöglichkeit in Constantia gab, seien die Bäume dort drei Tage später komplett abgeerntet gewesen, obwohl viele Äpfel noch gar nicht reif waren. „Hinweisschilder wären daher vermutlich besser, weil sie dann diejenigen erreichen, die tatsächlich die Streuobstwiesen kennen und dort häufiger vor Ort sind“, sagte Mohr. Allerdings kämen auch nicht abgeerntete Äpfel jemandem zugute: Insekten und Vögeln.
Vernetzung für mehr Artenvielfalt
Das hat auch Stefan Rölling im Blick, wenn er sich für „gerne noch mehr Streuobstwiesen“ in Emden ausspricht. „Auch wenn es nur kleine sind, bewirken sie doch eine Menge“, sagt der Insekten-Kenner und ehrenamtliche Naturschutzbeauftragte der Stadt. Es verhalte sich wie bei den Wildblumenwiesen: „Wenn man flächendeckend solche Gebiete hat, können sich auch die Insekten besser vermehren.“ Auch hier gehe es um Vernetzung für mehr Artenvielfalt. An einem Apfelbaum allein könnten etwa 18 Schmetterlingsarten beziehungsweise Raupen leben, darunter Arten von der Roten Liste. „Wenn wir jetzt noch Bienen, Käfer, Wanzen und andere Insekten dazunehmen, haben wir eine tolle Artenvielfalt auf der Streuobstwiese.“ Um diese Zusammenhänge erfahrbar zu machen, sei so ein Tag der Streuobstwiese durchaus sinnvoll, findet er. „Und in jetzigen Zeiten, wo doch das Obst in den Läden immer teurer wird, erst recht.“
