Emden - Der Atem geht schwer bei Mykhaylo Polyuhanych, wenn er erzählt. Nach jeder Antwort, nach jeder Erklärung folgt ein langer Seufzer. Die Gedanken des 37-jährigen Mannes aus der Ukraine sind in diesen Tagen mehr in der Ferne als hier in Emden, wo er seit zwei Jahren wohnt und arbeitet. Nur etwa 1500 Autokilometer von hier im Osten Europas leben seine Eltern und seine zehnjährige Tochter.
Dass sein Kind aus früherer Ehe möglichst bald nach Deutschland kommen kann, scheint im Moment unwahrscheinlich. Das quält den Vater, der als Servicetechniker beim Betonsteinmaschinenbauer FRIMA arbeitet. „Die Schlangen an der Grenze sind 25, 30 Kilometer lang. Das kann man einem Kind in dem Alter allein nicht zumuten,“ sagt Polyuhanych. Er kommt aus einem kleinen Ort nahe Lwiw (ehemals Lemberg) im Westen der Ukraine. Nein, dort habe es noch keine Kämpfe zwischen russischen und ukrainischen Truppenteilen gegeben, erzählt er am Montagvormittag. „Aber 30 Kilometer entfernt sind schon Bomben eingeschlagen.“
Mehrmals am Tag haben sie Kontakt
Mutter, Vater und seine Tochter lebten seit Tagen im Keller eines großen Hauses mit mehr als 40 Wohnungen. Seine Tochter wolle nach Emden kommen. Mehrmals am Tag haben sie Kontakt. Handygespräche, Whatsapp-Nachrichten. Die Verbindung übers Mobiltelefon ist bislang ungestört. Immer wieder die Versicherung aus der Heimat: „Alle sind gesund.“ Mykhaylo Polyuhanych atmet wieder tief durch. Seine Eltern seien gefasst, sagt er. „Sie sagen: Was passieren soll, wird passieren.“
Allein ist er in Emden nicht. Einen Monat vor Kriegsausbruch kam seine Freundin mit ihrem dreijährigen Sohn zu Besuch nach Emden. Dann folgte die Invasion. Drei Monate darf seine Freundin mit dem Kind eigentlich nur bleiben, besagt das deutsche Aufenthaltsrecht. „Wie es dann weitergeht, wissen wir noch nicht.“ Die Kollegen auf der Arbeit kümmern sich um ihren ukrainischen Kollegen so gut es geht. „Sie fragen immer, was wir brauchen, wie sie helfen können. Dafür bin ich sehr dankbar.“
Polyuhanych war zuletzt im vergangenen Jahr im Sommer in der Ukraine. FRIMA hat zwischen 2007 und 2018 vier Betonsteinmaschinen an Kunden in dem Land geliefert, das seit fünf Tagen mit Russland im Krieg steht. Für diese Maschinen bieten Lieferanten wie FRIMA und die Emder OMAG Servicedienste an.
Keine Hoffnung für die Friedens-Gespräche
Ob er so bald wieder in die Heimat reisen kann? Mykhaylo Polyuhanych ist alles andere als optimistisch. Der Einmarsch Russlands sei seit 2014, dem Jahr der Krim-Annektierung, vorbereitet worden. Was die Friedensgespräche betrifft, die am Montag angelaufen sind, glaubt er nicht an einen positiven Ausgang: „Ich denke, das gibt nichts. Putin kann nicht zurück. Er hat alle Brücken abgebrochen. Die Ukraine soll nicht in die EU und nicht in die NATO. Das ist sein Ziel.“
In fünf, vielleicht zehn Tagen wisse man vielleicht schon mehr, „was in der Zukunft wird“. Dass dies nur eine Auseinandersetzung zwischen Russland und seinem Heimatland ist, glaubt Polyuhanych nicht: „Das ist ein Krieg zwischen Europa und Russland.“
