Emden - Der Schlüssel für die Schlittschuhe wird gesucht, „Halszerbrecher“ natürlich. Die große Wiese erstarrt am schnellsten zur Eishockeyfläche, „Flakjes“ sind etwas Feines, die flachen großflächigen Wasserstellen. Die Kanäle benötigen mehr Zeit, um uns aufzunehmen. Blechdosen klappern über das Eis, Tore werden markiert, Jubelschreie und Blutergüsse liegen ganz dicht beieinander.
„Bahnsche Penning“ wird auf den Kanälen verlangt. Es gibt Kupfer, denn für das Fegen der Bahnen und Entfernen von Schnee lassen sich Schlittschuhläufer einen Pfennig kosten, den sie denjenigen geben, die für ihre Arbeit die Hand aufhalten. Wir überlegen kurz „... sollen wir auch ...?“ Doch wir laufen lieber. Schwerelos gleiten wir über die weißen Bänder, die sich gleißend prächtig vor uns entrollen, Kirchtürme fliegen vorbei. Unter den Brücken ist es noch gefährlich, weil es dort nicht so schnell zufriert, Mutproben.
Ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont lässt unser Gleiten an Tempo zunehmen, das Dorf Hinte kommt in Sicht. Schon von Weitem sehen wir die bunte Lichterkette, die uns signalisiert, dass die Gaststätte Feldkamp am Knockster Tief nicht mehr fern ist. Dort gibt es die leckeren Pfeffernüsse zu kaufen. Meine heute 98-jährige Mutter und auch meine Oma erzählten, dass bis in die 1950er Jahre fast in jedem Winter die Kanäle zugefroren waren. Heute sind die Winter milder. Möglicherweise liegt es auch an der Verrohrung der Grundstücke und Einleitungen in Richtung der Kanäle, die Stoffe in die Gewässer bringen und so für Gefrierpunktserniedrigung sorgen…
Nach den Schöfel-Runden wieder zu Hause angekommen füllt dann die Rhein-Ems-Zeitung die Hohlräume der Schuhe zum Trocknen. Petzi, Pelle und Pingo, die Hauptakteure in der Comic-Serie der Rhein-Ems-Zeitung, schauen mich stumm ergeben an. Und wieder liebkosen unwiderstehliche Gerüche, die Vorboten erlesener Gaumenfreuden, die Nasenflügel. Es ist Plätzchen-Zeit. Geschenke werden versteckt. Nicht nachsehen, was es ist!
Natürlich nicht, denn mein Herz lebt von Überraschungen. Nur in Sachen „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ wird ein wenig nachgebohrt, in Erinnerung gebracht, Grollen mit Achilleus, dem Held der Ilias von Homer im Trojanischen Krieg, mit Odysseus einmal um die Welt segeln, armer einäugiger Riese Polyphem ... und mit Lametta und schwankenden Kerzen werden die letzten Tage des Jahres eingeläutet, historische Fotos entstehen.
Auf dem Buffet thront die große Leuchtebirne mit hoher Wattzahl, die immer so positioniert wird, damit alle Personen beim Fotografieren gut ausgeleuchtet sind. Sie steht richtig, und der neue Water-Flash-Blitz sorgt zudem für ein garantiert ausreichendes Licht. Mein ganzer Stolz, der Rock‘n Roll-Schlips, ziert und schmückt mich, und die griechische Sagenwelt nimmt mich sanft in ihre weit ausgebreiteten Arme, und ich falle mit Freuden tief hinein.
Der letzte Tag des Jahres, des immer wiederkehrenden alten Jahres, gehört der August-Bebel-Straße, Silvester bedeutet Geburtstag, Oma wird … lass‘ mich ’mal rechnen … Das Waffeleisen ist wieder aktuell, und Schicht für Schicht bergen wir diese ungemein köstlichen Neujahrskuchen, die wir aufrollen, und durch deren kleine oder große Öffnungen der Kakao direkt und schwallartig in den erwartungsfrohen Bäuchen verschwinden kann. Und dann, wenn die Sirenen der Schiffe brüllen und bunte Sterne hoch über der Großen Kirche stehen und allmählich verschwinden, kommen mir immer die Tränen ...
So gehen die Jahre dahin. Zwischen Neujahr und Silvester sprühen Funken über die Pflastersteine der Stadt. Wie gebannt klebe ich an der Mauer der ausgebrannten Kirche. Echte Indianer kommen; nie werde ich ihre tiefen und kehligen Stimmen vergessen. Indianer vom Zirkus Sarrasani, gastierten 1932 in der Stadt. Einer der ihren, William Big Charger, ist in Emden an Lungenentzündung gestorben. Indianer von seinem Stamm kommen Jahre später zum Grab am Friedhof der Großen Kirche. Salven donnern in einen traurigen Himmel, und die Pferde tänzeln, ihre Hälse bewegen sich auf und nieder, als wollten auch sie in den Choral einfallen. Stummes Bewegen der Lippen in gegerbten, ausdrucksvollen Gesichtern, gezeichnet, gemeißelt, Leben und Tod in direkter Nachbarschaft. Und erst später fasse ich annähernd diesen Augenblick, als ich von dem Unglück ihres Stammesgenossen erfahre.
Zur Person: Joachim Schmidt wurde 1947 in der Emder August-Bebel-Straße geboren. Sein Studium absolvierte er in Kiel, seit 1995 wohnt der heutige Erzähler in Frankfurt am Main.
Wir fragen wieder: Wer erinnert sich an Begebenheiten von früher? Melden Sie sich bei uns. Unsere Mitarbeiterin Iris Hellmich, die diese Serie betreut, ist unter
