Die Zahl der Kirchenaustritte war im vergangenen Jahr auf einem hohen Niveau (wir berichteten). Welchen Stellenwert hat Kirche heutzutage, gerade auch in Corona-Zeiten noch? Dazu befragten wir Pastor Wolfgang Ritter aus Borssum.
Herr Ritter, wie viele Besucher begrüßen Sie zurzeit in einem Sonntagsgottesdienst? Stellen Sie zahlenmäßig einen Unterschied im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit fest?
Wolfgang RitterEs sind an „normalen“ Sonntagen etwa 30 bis 40 und damit etwa so viele wie vor Corona. Tauffeiern (und auch Hochzeiten) wurden wegen der Corona-Verordnungen vielfach abgesagt oder verschoben. Konfirmationen (und Trauerfeiern) fanden im engeren (oder engsten) Familienkreis statt. Im Kontrast dazu stehen neue Online-Angebote. So hatten wir zum Beispiel in den zurückliegenden beiden Jahren beim digitalen Adventskalender über 14 000 Aufrufe.
Ist die Gottesdienst-Resonanz aus Ihrer Sicht ein Gradmesser für den Stellenwert, den Kirche heute noch in der Gesellschaft hat?
Nein, weil in unserer Kirche die regelmäßigen Zahlen der Besucherinnen und Besucher im Gottesdienst gemessen an den Mitgliedern traditionell eher niedrig sind. Herzensbildung und Glaubensleben finden zum Glück auch an anderen Orten statt: zu Hause, in Gruppen, Freizeiten, Gesprächen, Seelsorge und Unterricht.
Das hat seinen Stellenwert auch, wenn man den Bundespräsidenten zuhört. Walter Steinmeier ist immerhin evangelisch-reformiert und Joachim Gauck war evangelischer Pfarrer. Die Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel ist Pfarrerstochter. Jedes Ortsschild „Emden. Reformationsstadt Europas“ erinnert an den Stellenwert der Kirche(n) für diese Stadtgesellschaft.
Und der Sinn eines Gottesdienstes kurz zusammengefasst?
Der Gottesdienst bietet die Chance für Menschen, ihre Situation vor Gott zu bringen, ihre Fragen, Unlust, Begeisterung oder Niedergeschlagenheit. Gott wendet sich in der Feier den Versammelten liebevoll zu und setzt damit seine Zuwendung zu den Menschen fort.
Dieses Angebot hat eine eigene Qualität! Das geschieht am Sonntagmorgen und besonders nachhaltig in Taufe, Konfirmation oder Kommunion, Hochzeit oder Trauerfeier, bei Schulgottesdiensten und in Altenheimen. Das ist auch gefragt in der ökumenischen Andacht für den neu gewählten Rat der Stadt Emden oder als Angebot nach traumatischen Ereignissen.
Alle Kirchen hatten 2021 – wir berichteten darüber - allerhand Austritte zu verzeichnen, auch die evangelisch-lutherische. Gewinnen Sie auch neue Gemeindemitglieder hinzu?
Ja. Ich plädiere deshalb auch für eine gewisse gewinnende Gelassenheit. Vielleicht ist das nicht typisch, aber in der Erlösergemeinde hatten wir über Jahre mehr Taufen als Beerdigungen und mehr Eintritte als Austritte. Das ist zurzeit leider nicht so, aber auch im letzten Jahr gab es immerhin mehr Taufen als Austritte. Darunter war auch eine Erwachsenentaufe.
Die Kommentare in den sozialen Netzwerken zur Austrittsnachricht waren sämtlich negativ in Richtung Kirche. Tenor neben dem Verweis auf Missbrauchsfälle: Kostet nur, bringt mir nichts. Was sagen Sie dazu?
Wenn es um das Thema „Missbrauch“ geht, das Sie ansprechen, kann es nur um die Bitte um Vergebung und Versuche von Wiedergutmachung gehen. Man sollte das möglichst konkret machen. Mir persönlich ist der Fall eines Diakons im Raum Osnabrück in den 70er Jahren bekannt, der gerade behandelt wird. Das muss aufgearbeitet werden. Mit denen, die sagen „Kostet nur, bringt mir nichts“ würde ich das Gespräch suchen. Ich sehe das nämlich anders.
Nennen Sie drei Gründe, warum Kirche für unsere Gesellschaft auch heute noch wichtig ist.
Kirche ist eine nichtstaatliche Organisation mit guter Substanz,1. als eine lebendige Gemeinschaft, die von Mitgliedern aus unterschiedlichen Milieus in Städten und Dörfern getragen wird. Diese verstehen sich als lebendiger Teil der Gesellschaft, sind gute Haushalter für die vorhandenen, oft historischen Gebäude, das Personal und die Ausstattung.2. als ein wichtiger Netzwerkpartner ist Kirche „stark mit anderen“. Hier werden Begegnung, Bildung und Kultur für Menschen unterschiedlicher Herkunft ermöglicht. Das bringen wir ein: Wir beherbergen gewissermaßen Gott und die Welt bei uns. Wir weinen mit den Weinenden und freuen uns mit den Fröhlichen.3. als Hilfsorganisation ist Kirche „stark für andere“. Mit (ökumenischer Notfall-)Seelsorge, sozialen Einrichtungen und Beratungsangeboten nehmen wir Aufgaben wahr, die nicht nur Mitgliedern dienen. Weltweit operierende Hilfswerke wie „Brot für die Welt“, Misereor oder die Diakonie Katastrophenhilfe genießen großes Ansehen .Diese Kirche tut dem Klima und der Gesellschaft als kritisches Gegenüber gut.
