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Zeitzeuge Erinnert Sich: In diesem Vareler Haus endete der Krieg

09.05.2020

Varel „Frau Gerdes, der Krieg ist aus. Ich habe gerade die Nachricht bekommen." Mit Tränen in den Augen stand der Kommandant des Vareler Gefechtstands in der Küche des Hauses an der Lohstraße 19. Zwar war für den Offizier das Ende absehbar. Ihn trieb aber das schlechte Gewissen um: „Ich denke an die Soldaten, die ich noch vor einigen Stunden an die Front geschickt habe und die dort gefallen sind.“ Die Antwort von der Hausherrin kam einfühlsam: „Jetzt trinken wir erst einmal Tee.“

Heinrich Gerdes in Marine- uniform. BILD: Archiv Heinrich Gerdes

Zur Person

Heinrich Gerdes wurde 1927 in Varel geboren. Als 15-Jähriger war er Flakhelfer in Blauhand. In Varel machte er „Not-Abitur“. Am 8. Januar 1945 wurde er zum Krieg eingezogen. Er schrieb Tagebuch, auch in russischer Gefangenschaft. Damit schuf er ein einzigartiges und seltenes Zeitdokument. Er machte daraus ein Buch, das aber nicht zu kaufen ist. Nach dem Krieg lernte Heinrich Gerdes Bautischler und wurde nach einem Studium Architekt. Der 92-Jährige lebt in Varel.

So ging der Zweite Weltkrieg in Varel zu Ende, weiß Henrich Gerdes. Seine Mutter erzählte ihm oft von den letzten Stunden. Denn der deutsche Gefechtsstand befand sich bis Anfang Mai in seinem Elternhaus – hinter den Fenstern des Erkers zur Lohstraße. „Im Garten standen zahlreiche Fahrräder der Melder, die die Kunde schließlich verbreiteten“, sagt der heute 92-Jährige.

Helmut Gerdes ist einer der letzten Zeitzeugen in Varel. Dabei hatte er das Ende am 9. Mai in der Stadt nicht mitgemacht. Als damals 17-Jähriger erlebte er die Kapitulation in russischer Kriegsgefangenschaft. Nach einer abenteuerlichen Flucht aus dem Gefangenenlager in Deutsch-Eylau in Ostpreußen kam er am 29. August 1945 wieder zurück nach Varel zu seiner Mutter.

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Anfang April, in der Endphase des Krieges, marschierten alliierte Truppen auf Varel zu. Heinrich Gerdes war zu der Zeit als Soldat der 1. Marineinfanteriedivision auf dem Weg an die Front im Osten. Am 13. April 1945 schrieb er einen sorgenvollen Brief an seine Mutter nach Varel: „Laut Wehrmachtsbericht steht der Feind nun ja schon bei Wildeshausen und Harpstedt. Varel soll zur offenen Stadt erklärt worden sein, Wilhelmshaven zur Festung. Hoffentlich kommt Varel beim Kampf um Wilhelmshaven nicht in die Frontlinie. Ich denke dabei an die festgelegten Zielpunkte der Flak-Batterie Blauhand.“

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Denn deren Zielpunkte war die Verkehrskreuzung am Kaffeehaus und die Ecke Oldenburger Straße/Teichgartenstraße. „Und genau dazwischen lag mein Elternhaus an der Lohstraße“, sagt Heinrich Gerdes. Er selbst kannte die Zielpunkte genau. Denn als Flakhelfer war er im Alter von 15 Jahren in Blauhand stationiert gewesen. Zu einem Beschuss auf die anrückenden kanadischen Truppen kam es 1945 jedoch nicht mehr.

Zurück in Varel verriet ihm seine Mutter, dass die Soldaten im Garten ihres Hauses etwas vergraben hatten. Später ging Heinrich Gerdes der Geschichte auf den Grund – und fand ein Funkgerät. „Vielleicht das, über das der Befehl für die Truppe zur Waffenruhe gekommen war“, sagt er. Das Gerät besitzt Gerdes indes nicht mehr. Es waren damals schwierige Zeiten“, erinnert er sich. Er gab es an einen Schwarzmarkthändler, der es für Reichsmark verkaufte.

Tagebuch von Heinrich Gerdes aus Varel, russische Kriegsgefangenschaft 1945

Aus dem Tagebuch

24.4.45: Ahnungslos zogen wir um 10 Uhr vom Bahnhof Casekow los um in die Stellung zu marschieren. (...) Dann Granatwerfereinschläge in unseren Reihen. Die ersten Verwundeten. Neben mir ging ein Blindgänger in die Erde. Glück gehabt. Immer noch guten Mutes. Pitsch! Jetzt setzt Gewehrfeuer ein. Wir gingen auf der Stelle am Weg (kurz vor Petershagen) in Stellung. Nun begann ein kurzer aber sehr blutiger Kampf.

Bis 3. Mai in Issingen (Dort auch wieder entlaust). Am 3. 5. Fußmarsch über Pyritz nach Stargard. Eine Karte zeigt den Umweg, den wir machten. Na, wir sind eben beim Iwan (36 km Marsch). Ohne Proviant, ohne Wasser, Misshandlungen. (...) Vom 3.5. - 12.5.45 in einer Stardgarder Schule untergebracht. Sehr wenig zu essen, konnte mich knapp auf den Beinen halten. Die Ruhr trat auf, trostlos!.

( )

19.8.45: Wir übernachteten auf dem Hof in einem versteckten Lager hoch unterm Dach eines Heuschobers während die Russen unten mit langen Stangen und einer Forke im Heu rumstocherten. Es waren bange Minuten und für uns Zeit von hier zu verschwinden. Auf dem Puffer stehend ging es mit der Bahn nach Berlin. Unterwegs plünderten russische Soldaten die Passagiere aus.

Nach Einzug der Kanadier ging es in Varel dann ganz schnell. Wenige Stunden danach mussten die letzten verbliebenen Soldaten, Volkssturmleute sowie „einige männliche Zivilpersonen aus der Stadt“ an der Friedrich-August-Straße antreten. Von dort aus wurden sie abgeführt. Das erste Gefangenenlager war damals der Tennisplatz am Kaffeehaus, den es heute noch gibt. „Ihn umgab damals wie heute ein hoher Gitterzaun“, sagt Heinrich Gerdes.

Im Haus an der Lohstraße 19 erinnerte noch lange Zeit einiges an den letzten Gefechtsstand des Krieges. Unter anderem ein Abdruck auf dem Linoleum an der Stelle, an der die Melder grüßten und zackig kehrtmachten.

Olaf Ulbrich Redaktionsleitung Varel / Redaktion Friesland
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