• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
Auto und Motorrad kollidiert – B212 voll gesperrt
+++ Eilmeldung +++
Aktualisiert vor 14 Minuten.

Unfall Bei Elsfleth
Auto und Motorrad kollidiert – B212 voll gesperrt

NWZonline.de Plus Adipositas

Vom großen Traum, ein Uhu zu sein

30.04.2019

Brake /Warfleth Leonie kam weinend nach Hause. „Deine Mutter ist dicker als die Welt“, hatte sie an diesem Tag schon in der Schule gehört. Und: „Deine Mutter ist ja soooo fett.“ Melanie Reents weiß, dass Kinder gemein sein können. Trotzdem trafen diese Hänseleien, die sich ihre Tochter gefallen lassen musste, ins Schwarze. Oder besser: mitten ins Herz. 145 Kilo hat sie da gewogen, bei einer Größe von 1,67 m. Es musste sich etwas ändern. Und es hat sich etwas geändert. Die Kleidergröße von Melanie Reents zum Beispiel. Aber dazu später mehr.

Es war der Sommer 2017, in dem Leonie so traurig war. Wegen der Hänseleien einerseits. Und andererseits, weil sie mit ihrer Mama ins Schwimmbad gehen wollte. „Ich im Badeanzug? Keine Chance. Ich hab’ mich nur geschämt“, berichtet Melanie Reents. Sie sieht sich an einem Tiefpunkt, findet keinen Ausweg aus ihrem Übergewicht, obwohl sie morgens und abends das Essen weglässt und nur mittags Mahlzeiten einplant.

Mit sieben Jahren hatte sie angefangen, stetig zuzunehmen. „Nach einer Mandel-OP war das.“ Dann ging das Gewicht immer nach oben. Das Mädchen war ein guter Esser, die Frau später auch. Fast Food und Süßes mochte sie immer gern und reichlich und später entdeckte sie ihre Vorliebe für Energy-Getränke, nicht selten trank sie davon mehr als einen Liter am Tag. Im Sommer 2017 hatte sie einen BMI (Body Mass Index) von mehr als 51. Ab einem BMI von 30 wird von Adipositas gesprochen, ab einem BMI von 40 von Adipositas Grad III, der schlimmsten Ausprägung. Melanie Reents wurde im Adipositas-Zentrum des Braker St.-Bernhard-Hospitals vorstellig. Sie wollte eine Magenverkleinerung.

Gemeinsam stark: Die Selbsthilfegruppe „Robustus“

Gemeinsam stark: Die Braker Adipositas Selbsthilfegruppe „Robustus“ kommt immer an jedem ersten Dienstag im Monat ab 18.30 Uhr zusammen. Treffpunkt ist das Pfarrheim der St.-Marien-Kirche, Breite Straße 55.

Vorträge rund um das Thema Adipositas und der Austausch über alles, was die Betroffenen beschäftigt stehen bei den Treffen an. Es wird gequatscht, auch mal geweint und viel gelacht. Der Gruppe gehören ca. 70 Mitglieder an, sie lebt vom Zusammenhalt und dem Wissen, dass alles Besprochene vertraulich bleibt. Die Leiterin der Gruppe, Melanie Reents, ist erreichbar unter Telefon  0157/36161377. Die Facebook-Gruppe:  Robustus­_SHG Wesermarsch

Doch bevor Krankenkassen solch einen Eingriff genehmigen, müssen die Patienten verschiedene Auflagen erfüllen: eine gründliche Aufnahme aller Daten und Fakten, Untersuchungen, eine sechsmonatige Ernährungsberatung mit Protokoll, dokumentierter Sport, eine psychologische Beurteilung. Und: der Besuch einer Selbsthilfegruppe.

„Robustus“ heißt die Adipositas Selbsthilfegruppe, die sich monatlich in Brake trifft. „Die Selbsthilfegruppe tat und tut mir gut“, sagt die Warfletherin. Mittlerweile ist sie sogar die Leiterin, eine Aufgabe: „Ich bin glücklich, dass ich die Leitung übernommen habe. Auch weil ich ansonsten ein eher stiller Mensch bin, weil ich mein Leben lang dick war.“ Vor einem Jahr hatte die Gruppe ungefähr 20 Mitglieder, jetzt sind es 70. Melanie Reents weiß: Die Zahl der Betroffenen ist groß. „Aber es gibt immer noch viele, die sich nicht in so eine Gruppe trauen, obwohl der Leidensdruck groß ist.“

Dabei treffen dort viele Menschen aufeinander, die sich mit Leidensdruck auskennen. Die Mitglieder kommen aus allen Gewichtsklassen: Männer und Frauen, die abnehmen wollen und Motivation und Begleitung suchen. Andere, die schon operiert sind, wieder andere, die vor der Operation stehen.

Die Leiterin der Gruppe weiß aus eigener Erfahrung, wie stützend und hilfreich die Gruppe sein kann. Denn Operation hin oder her, das Abnehmen ist ein langer Prozess, Höhen und Tiefen gehören dazu.

Melanie Reents wurde vor einem Jahr operiert. Ihr Magen wurde in Brake zu einem kleinen Schlauchmagen geformt, der nur noch wenig Nahrung aufnehmen kann. Fürs Krankenhaus hat sie damals Klamotten in Größe 56 in ihre Tasche gepackt. Klamotten, die ihr nie sonderlich gefielen. Sie hatte sie, weil es die einzigen waren, die sie in ihrer Größe kaufen konnte. Jetzt ist das anders: Sie trägt Größe 44/46, Tendenz fallend. Rund 40 Kilogramm hat sie seitdem abgenommen.

Vor einigen Wochen wurde die 34-Jährige ein zweites Mal operiert. Aus dem Schlauchmagen wurde ein Magenbypass, weil sie andauernd Reflux-Probleme hatte. Sie fühlt sich wohl, ist nach einem Viertel eines Brötchens, vier Teelöffeln Quark oder drei Spargelstangen satt. Und zufrieden. Sie hadert nicht damit, wenig Essen auf dem Teller zu haben, weil die Operation dafür sorgt, dass sie tatsächlich satt ist.

Unsicher ist Melanie Reents aber immer noch. Ihr Kopf ist in der neuen Silhouette ihres Körpers noch nicht angekommen, sie sieht den enormen optischen Unterschied, wenn sie sich mit alten Bildern vergleicht, kann es aber noch nicht hundertprozentig begreifen. Aber wenn sie sich jetzt mit neuer Kleidung belohnt, ist der Unterschied greifbar: Sie kann endlich kaufen, was ihr gefällt und nicht nur, was irgendwie den Körper verhüllt. Aber sie kennt auch Tiefschläge. Als sie sich beispielsweise mit ihrem Mann ein Eis kaufte und wer anders zischte: „Guck’ dir die mal an.“ „Dabei war ich da gerade so glücklich, schließlich hatte ich schon 20 Kilo abgenommen.“

Dieses Zischen hinter dem Rücken tut weh. Und die Warfletherin kennt es nur zu gut: angeguckt, bewertet und verurteilt werden. An der Supermarktkasse beispielsweise, wenn Umstehende genau registrieren, was die Dicke aufs Kassenband legt. Oder eben beim Abholen von Tochter Leonie von der Schule.

Täglich steigt Melanie Reents jetzt auf die Waage. Sie fiebert einem Ziel entgegen: „Ich will endlich ein Uhu sein.“ Bitte was? „Ein Uhu, unter hundert Kilo.“ Dieses Ziel wird die 34-Jährige bald erreichen. Da darf man sicher sein. Denn Melanie Reents bleibt auf Kurs, auch mit dem Rückhalt aus der Selbsthilfegruppe heraus.

Regelmäßig gibt es in der Gruppe Fachvorträge zu Themen, die Adipositas-Patienten betreffen. Bei den offenen Treffen tauschen sich die Mitglieder über alles aus, was sie bewegt. Vertraulichkeit ist oberstes Gebot. Jüngst haben Mitglieder von „Robustus“ das erste Mal gemeinsam gesund gekocht. Und in einer WhatsApp-Gruppe verabredet man sich zum Schwimmen. „Ja, ich schwimme.“ Am liebsten mit Leonie natürlich. Melanie Reents lacht Leonie an. Und Leonie lacht zurück.
Lesen Sie mehr zum Thema:
Der Magen muss durchs Schlüsselloch
Nicht nur dick, sondern schwer krank
Der schwere Weg zum leichteren Ich

Alles zum Thema Gesundheit finden Sie hier!

NWZonline.de/gesundheit
Alles zum Thema Gesundheit finden Sie hier!

Anja Biewald Berne/Lemwerder / Redaktion Brake
Rufen Sie mich an:
04401 9988 2321
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.