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NWZonline.de Plus Adipositas

Wer richtig isst, der nimmt auch ab

11.05.2019

Brake /Wesermarsch FdH. Oder deutlicher: „Friss die Hälfte!“ Das ist die Lösung für alle Dicken, die abnehmen wollen? So will es der Volksmund, so wird es seit Ewigkeiten hinausposaunt. Und genauso lange regt sich Diplom-Oecotrophologin Anke Plate aus Nordenham über FdH-Kommentare auf. „Einfach weil es Quatsch ist. Eine halbe Currywurst mit Pommes zu essen, bringt nix. Es muss um Qualität in der Ernährung gehen.“

Kein Hexenwerk

Die Ernährungsberaterin betreut adipöse Menschen, also Leute mit einem Body-Mass-Index – Körpergewicht in Kilogramm : (Körpergröße in Metern x Körpergröße in Metern) – jenseits von 30. Meistens sogar weit jenseits von 30. Sie sagt: „Nicht jeder adipöse Mensch isst Unmengen.“ Viele essen aber zu viel vom Falschen. Und andere essen fast nichts „und nehmen von einer Scheibe Knäckebrot und Wasser noch zu“. Die richtige Ernährung ist eine Wissenschaft für sich. Aber auch kein Hexenwerk.

Wie viel ist denn nun genug?

Was ist eine Portion? Die Ernährungspyramide zeigt, was in welchen Mengen eine ausgewogene Ernährung darstellt: Viel Wasser soll getrunken, reichlich Gemüse und Obst (fünf Portionen am Tag) gegessen werden, von den Getreideprodukten sollte es schon weniger sein (vier Portionen), noch ein bisschen weniger bei Milch und Käse (drei Portionen) sowie Fisch und Fleisch (eine Portion). Fette (zwei Portionen) und Süßigkeiten sowie Knabbersachen (eine Portion) sollten sparsam verzehrt werden. So empfiehlt es das Bundeszentrum für Ernährung und liefert auch die Maßeinheiten dazu: die eigenen Hände – auch bei Kindern.

Eine Portion klein geschnittenes Gemüse oder Obst passt beispielsweise in zwei zu einer Schale geformte Hände. Stückobst wird mit einer Hand gemessen. Eine Portion Brot ist eine Scheibe, die die gesamte Handfläche plus Finger bedeckt. Eine Portion Fleisch oder Fisch passt auf den Handteller, ein normales Glas Milch passt in eine Hand. Fette und Öle werden in Löffeln gemessen, aber auch die Spitze des Daumens kann ein Maßstab sein.

Viele weitere Informationen rund um das Thema Ernährung unter www.bzfe.de

Am Anfang ihres Wirkens als Ernährungsberaterin steht für Anke Plate das Studium des Individuums: Was wird wann und warum und in welchen Mengen gegessen? Was sagen die Laborparameter wie Leberwerte, der Fettstoffwechsel, das Blutbild? Wie groß ist der Bauchumfang? „Wir gucken jeden Patienten einzeln und ganz genau an“, erklärt Anke Plate. Sie braucht das Gesamtbild, um einen Ausweg für diesen stark übergewichtigen Menschen zu finden. „Ungefähr 80 Prozent der Patienten essen zu viel Volumen, bei 20 Prozent ist das Übergewicht auf Stoffwechselerkrankungen, hormonelle Erkrankungen oder Medikamente zurückzuführen“, so Plate. Viele Betroffene seien „diätverdorben“, hätten dadurch ihren Körper völlig durcheinander gebracht, so dass der mit Nahrung nicht mehr vernünftig umgehen könne. „Da reichen dann kleinste energetische Mengen und der Patient nimmt noch zu“, so Anke Plate.

Gerade letztere Patienten könnten mit einer Ernährungsumstellung „häufig wieder auf Spur gebracht werden“, so dass am Ende schon mancher Operationstermin für eine Magenverkleinerung abgesagt werden konnte, weil sich der Abnehmerfolg auch so eingestellt hat. „Das ist ein langer Weg, aber ein gemeinsamer. Aber es ist ein Prozess, der begleitet werden muss.“ Soll etwas bewegt werden, müssten die Männer und Frauen vor allem bereit zur Reflexion sein, das eigene Ess- und Bewegungsverhalten müsse verändert, die Motivation geschürt werden.

Gemüse macht satt

„In der Ernährung wird einfach ganz viel falsch gemacht“, sagte Anke Plate: „Viele essen weniger, aber reine Kohlenhydrate. Der Körper ist dann fehlgeschaltet, Unmengen an Insulin werden freigesetzt, der Körper kommt nie in die Fettverbrennung.“ Bloß kein Fett und möglichst wenig Eiweiß!: „Das war früher die gängige Meinung, die sich bis heute hält. Aber das ist falsch“, so Plate weiter: „Man muss essen und man muss das Richtige essen, um abnehmen zu können.“

Die Diplom-Oecotrophologin rät zu Mahlzeiten mit viel Gemüse und Eiweiß, also Fisch, mageres Fleisch, Ei- und Milchprodukten. Kohlenhydrate seien wichtig, würden aber meistens in viel zu großer Menge verzehrt. „Eine Kartoffel etwa oder zwei Scheiben Brot oder eine Handvoll Nudeln sind ausreichend.“ Und: Dreimal am Tag sollten je 250 Gramm Gemüse verzehrt werden. „Das ist nicht wenig und macht satt. Und es gibt wahnsinnig leckere Gerichte.“ Für die Adipositas-Erkrankten, die sich selbst eine Diät auferlegt haben, die aus nicht viel mehr als Wasser und Brot besteht, sind das gute Nachrichten. „Das sind die glücklichen Adipösen, die dann keinen Hunger mehr haben und abnehmen.“

Magen viel zu groß

Beim Hunger ist Anke Plate bei den Patienten, die viel zu viel essen: Um abzunehmen, muss der Betroffene auch satt werden. Unter Hunger halte keiner durch, so Anke Plate. Ein normaler Magen sei etwa so groß wie eine Faust. Dr. Jan Henrik Herrfurth, Ärztlicher Direktor am St.-Bernhard-Hospital in Brake und Leiter des dort ansässigen Adipositas-Zentrums, hat den Vergleich mit einem Frühstücksteller hergestellt. Bei Adipositas-Patienten liegt das Magenvolumen aber vor einer operativen Verkleinerung bei einem bis anderthalb Litern, in Extremfällen bei vier Litern und mehr.

Essen als Lebensthema

„Der Magen ist stark überdehnt. In der Magenwand sitzen Rezeptoren, die melden, ob genügend Nahrung aufgenommen wurde. Bei so einem großen Magen fährt das Hungerhormon also bei kleinen Mengen hoch“, erklärt die Ernährungsberaterin. Vielesser würden dann also immer unter Hunger leiden. Sattheit könne über Gemüse und Eiweiß erreicht werden. Aber sie schränkt ein: „Bei einem BMI von 40 und mehr liegt die Wahrscheinlichkeit, aus eigener Kraft abzunehmen, bei unter zehn Prozent.“ Aus eigener Kraft heißt hier: ohne Operation, ohne Magenverkleinerung.

Auch nach einer operativen Magenverkleinerung ist die Ernährungsberaterin gefordert: „Einige denken, mit der Operation ist alles schnell gut. Aber sie werden das Thema nicht los.“ Nach einer Magenverkleinerung liege die Aufgabe darin, eine Mangelernährung zu verhindern. Eiweiße, Mineralstoffe, Vitamine: Ohne Nahrungsergänzungsmittel werde der Körper nicht ausreichend versorgt. Plate: „Die Konsequenzen können gravierend sein. Die Betroffenen rauschen in eine gravierende Mangelversorgung und können zum Beispiel Osteoporose bekommen. Das ist bitter.“ Die Ernährung bleibt also ein lebensbestimmendes Thema.

„Der Besuch einer Selbsthilfegruppe ist für die Betroffenen immens wichtig. Dort hören sie von anderen Betroffenen, wie es nach der Operation ist. Wie es zum Beispiel ist, nach zwei Schlucken Wasser satt zu sein. Das kann sich so keiner vorher vorstellen.“

Früher intervenieren

Als Ernährungsberaterin freut sich Anke Plate aber über jeden, der mit einer Ernährungsumstellung und mehr Bewegung abnimmt. „Wir müssen früher und mit anderen Konzepten intervenieren“, sagt die Diplom-Oecotrophologin angesichts der stetig steigenden Zahl Übergewichtiger. Betroffene bräuchten eine langfristige Begleitung: „Aber Kostenträger denken kurzfristig, alles andere wird nicht finanziert.“ Drei-Wochen-Kuren, für die ein Übergewichtiger aus dem Alltag und seiner Familie rausgebeamt werde, hält sie für nicht ausreichend. Nicht alltagstauglich. „Da fehlt die Ernährungsfachkraft, die zu Hause ansetzt.“

Und frühzeitige Aufklärung, Aufklärung und nochmals Aufklärung – über das, was gesund ist, über versteckte Fette und vor allem über in so vielen Lebensmitteln versteckten Zucker. Die Einführung einer Zuckerampel auf Lebensmitteln fände sie gut – als einen kleinen Schritt zu mehr Qualität beim Essen.
Lesen Sie auch die weiteren Teile der Serie:
Vom großen Traum ein Uhu zu sein
Der Magen muss durchs Schlüsselloch
Fettleibige sind nicht nur dick, sondern schwer krank
Der schwere Weg zum leichteren Ich

Anja Biewald Berne/Lemwerder / Redaktion Brake
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