• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Plus Adipositas

Der schwere Weg zum leichteren Ich

30.04.2019

Brake /Wesermarsch Zu schnell und zu viel vom Falschen: Auf diese recht einfache Formel bringt Dr. Jan Henrik Herrfurth die Essensgewohnheiten seiner Patienten. Zu viele Kalorien werden in kurzer Zeit verputzt, bei den Portionen fehlt das Maß. Und bei dem, was auf dem Teller landet, das Bewusstsein dafür, was gesund ist und was nicht. Das Ganze gepaart mit einem ausgeprägten – und mit jedem Kilo Körpergewicht weiter zunehmendem – Bewegungsmangel: Das sind die Komponenten, die die Patienten von Herrfurth zu echten Schwergewichten machen, die irgendwann auf dem OP-Tisch landen.

Der Body Mass Index

Hinter der Abkürzung BMI verbirgt sich der Body Mass Index oder Körpermasseindex. Die Formel setzt das Gewicht in Relation zur Körpergröße. Der BMI ist einfach zu berechnen und dient dazu, dass eigene Gewicht zu bewerten.

Für die Berechnung gilt folgende Formel: Gewicht in Kilogramm geteilt durch Körpergröße in Metern zum Quadrat. Ein Beispiel: Eine Frau ist 1,70 Meter groß und 65 Kilogramm schwer: 65 : (1,70 x 1,70) = 22,49. Damit ist sie normalgewichtig.

Der BMI dient bei der Bewertung des Körpergewichts nur als Richtwert. Es gibt einige Parameter, die nicht berücksichtigt werden, beispielsweise die Muskelmasse. Der BMI macht keinen Unterschied zur Fettmasse. So kann jemand, der recht sportlich und muskulös ist, schnell einen erhöhten BMI haben, obwohl von Übergewicht keine Rede sein kann. Auch Alter, Körperbau und Geschlecht spielen eine Rolle. Der BMI gilt so auch nicht für Kinder.

Folgende Werte für den BMI hat die Weltgesundheitsorganisation als Orientierung festgelegt: •  Weniger als 18,5: Untergewicht •  18,5 bis 24,9: Normalgewicht •  25 bis 29,9: Übergewicht/Prä-Adipositas •  30 bis 34,9: Adipositas, Grad I •  35 bis 39,9: Adipositas, Grad II •  Mehr als 40: Adipositas, Grad III Diese Tabellen liefern eine differenziertere Einstufung nach Alter und Geschlecht:

    https://www.krankenhaus-brake.de/316-0-body-mass-index.html#i

Herrfurth ist Ärztlicher Direktor des St.-Bernhard-Hospitals in Brake und leitet dort das Adipositas-Zentrum. Er spricht von einer „erheblichen Zunahme bei den Patientenzahlen“, er spricht von einem Teufelskreis für die Betroffenen, von schwerwiegenden Begleiterkrankungen und von leidenden Menschen mit inneren Schweinehunden in der Dimension von mehrköpfigen Drachen. Er spricht vom Dicksein als einer Volkskrankheit, die sich etabliert hat und immer weiter wuchert. Auch in der Wesermarsch. Während in der Braker Adipositas Selbsthilfegruppe Robustus vor einigen Jahren noch eine Handvoll Betroffener zusammenkam, gibt es jetzt rund 70 Mitglieder. Herrfurth findet, „unsere Essenskultur ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Alle essen unregelmäßig, zu viel und zwischendurch.“

Serie zur Fettleibigkeit

Deshalb widmet sich die Nordwest-Zeitung in einer Serie der krankhaften Fettleibigkeit. Wir erklären Adipositas, wir erzählen die Geschichten von Betroffenen und wir sind bei einer Magenverkleinerung im OP dabei. Wir lassen auch eine Ernährungsberaterin erläutern, welche Essensregeln bei adipösen Menschen gelten, warum schlau gemeinte Tipps wie „FdH“ („Friss die Hälfte“) Quatsch sind und warum es adipöse Menschen gibt, die von einer Scheibe Knäckebrot zunehmen. Außerdem erläutern Physiotherapeuten, wie stark übergewichtige Menschen Sport treiben können.

Lang ist meistens der Leidensweg und groß der Druck, der Patienten zur Sprechstunde des Adipositas-Zentrums im Braker Krankenhaus führt. „Die meisten haben keine Diät ausgelassen, schon alles ausprobiert“, sagt Dr. Jan Henrik Herrfurth. Viele hätten zumindest zwischenzeitlich Gewicht verloren, nach einer Diät aber umso schlimmer zugelegt – der Jojo-Effekt. Was den Betroffenen nicht gelungen ist: eine dauerhafte Umstellung der Ernährungsgewohnheiten. „Es ist eine Spirale, in die sie sich rein schrauben. Den größten Einfluss hat meistens das Essen. Dann werden die Aktivitäten immer weniger. Unsere Patienten legen im Durchschnitt nur 400 Meter am Tag zurück“, erklärt der Mediziner: „Viele verlieren ihre Jobs, bekommen Depressionen, verbringen den Tag nur noch auf dem Sofa.“

Kreislauf schwer zu durchbrechen

Herrfurth skizziert einen Kreislauf, der aus eigener Kraft nur schwer zu durchbrechen ist. „Es kriegt kaum einer ohne Operation die Kurve, der einen BMI von über 40 hat“, so Herrfurth. 40: Das ist der Body Mass Index, ab dem vom schwersten Grad der Fettleibigkeit, Adipositas Grad III, gesprochen wird. Dann kann über eine operative Verkleinerung des Magens nachgedacht werden, bei Patienten mit Begleiterkrankungen auch ab einem BMI von 35. Und Begleiterkrankungen gibt es zahlreiche, darunter viele schwere. Die Lebensdauer sei deutlich verkürzt.

Doch bis ein Patient auf dem OP-Tisch von Herrfurth landet, ist auch dieser Weg lang – aber er ist begleitet.

Krankenhaus kooperiert mit Partnern

Die Patienten müssen an einer ausführlichen Beratung und Erhebung teilnehmen, sie müssen zig Fragen beantworten. Und zwar ehrlich. Sechs Monate lang müssen die Adipositas-Patienten an einer Ernährungsberatung teilnehmen und ihre Essensgewohnheiten protokollieren. Und die Betroffenen müssen an den Treffen einer Selbsthilfegruppe teilnehmen. Außerdem fordern die Krankenkassen mindestens zwei Stunden Bewegung oder sportliche Aktivitäten pro Woche – ebenfalls dokumentiert. „Da verfolgen wir hier in Brake verschiedene Kooperationen mit Fitnessstudios, Zirkeltraining, Schwimmstunden im Braker Hallenbad nur für Adipositas, Reha-Sport.“ Aber der Arzt weiß: An Sport im üblichen Sinne ist für Schwergewichte anfangs kaum zu denken. Aber jeder Schritt zählt: „Einfach Spazieren gehen und schwimmen, das ist ein guter Anfang.“

Und dann folgt eine psychologische Begutachtung: „Dabei geht es darum, vor einer Operation eine manifeste Essstörung, eine Psychose oder Suchterkrankung auszuschließen“, erklärt Herrfurth.

Verkleinerter Magen als „Essbremse“

Erst dann geben die Kassen grünes Licht für eine Operation und der Chirurg kommt ins Spiel: Es gibt verschiedene Methoden, um den Magen zu verkleinern. Eines haben alle gemeinsam: Das Fassungsvolumen wird deutlich reduziert. Schon nach winzigen Portionen ist der Patient pappsatt.

Wer aber denkt, mit einer Operation hat sich das Thema Fettleibigkeit erledigt, der irrt sich gewaltig: Ein Adipositas-Patient bleibt ein Leben lang Patient. Der verkleinerte Magen „ist eine „Essbremse“, so Herrfurth, der Betroffene müsse sein Verhalten, seine Lebensumstände und Ernährungsgewohnheiten dennoch grundlegend und dauerhaft verändern.

Einmal im Jahr findet ein Nachsorgetermin statt, ein Leben lang sollten Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden, um den Folgen einer Mangelernährung vorzubeugen, und Bewegung und Sport müssen im Alltag fest verankert werden. „70 bis 80 Prozent ihres Übergewichtes verlieren die Patienten etwa in den ersten zwei Jahren nach der Operation, in die Nachsorge geht es lebenslänglich“, so Jan Henrik Herrfurth.

Zusammenhalt und Hilfe

Doch auch mit viel weniger Gewicht blicken die meisten Betroffenen nicht auf ihren Traumkörper, wenn sie nach dem Abnehmen in den Spiegel schauen: Die Haut bildet sich mit der Gewichtsreduktion nicht im gleichen Umfang zurück, unansehnliche Hautlappen bleiben – an Bauch und Rücken, den Armen und Beinen. Sie können nur chirurgisch entfernt werden.

Lang und leidensvoll ist der Weg vor der OP, einfach und kurz ist der Weg zu einem schlankeren Ich aber nicht. Was hilft, sind Weggefährten. Zahlreiche Gruppen gibt es beispielsweise in den Sozialen Netzwerken, in denen sich Betroffene austauschen. Und in Brake gibt es die Selbsthilfegruppe Robustus, die immer an jedem ersten Dienstag im Monat um 18.30 Uhr im Pfarrheim der St.-Marien-Kirche, Breite Straße 55, zusammenkommt. Austausch, Zusammenhalt, Information und gemeinsame Aktivitäten stehen im Vordergrund der Treffen. Die Gruppe besteht aus Menschen, die abnehmen möchten oder die aufgrund ihres starken Übergewichts bereits operiert worden sind. Wer fragen zu dem Angebot hat, kann sich an die Leiterin der Gruppe, Melanie Reents, unter Telefon 0157/36161377 wenden.

Alles zum Thema Gesundheit finden Sie hier!

NWZonline.de/gesundheit
Alles zum Thema Gesundheit finden Sie hier!

Anja Biewald Berne/Lemwerder / Redaktion Brake
Rufen Sie mich an:
04401 9988 2321
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.