Ammerland/Westerstede - Das Kind müsste doch schon längst zu Hause sein. Seit Stunden ist der Schulunterricht vorbei. Nachfragen bei Klassenkameraden, Freunden und Verwandten bleiben ergebnislos. Das Kind ist verschwunden. Und es kehrt nicht zurück. Nicht in dieser Nacht, nicht am nächsten Tag… Eine schreckliche Vorstellung – nicht nur für Eltern und Erziehungsberechtigte.
„Glücklicherweise haben wir im Ammerland keine langzeitvermissten Kinder und Jugendlichen“, sagt Rolf Cramer, Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienstes beim Polizeikommissariat Westerstede. Bei den kurzzeitig verschwundenen Minderjährigen sieht das allerdings anders aus. „Rechnet man die Statistik um, so geht alle zwei bis drei Tage eine solche Vermisstenmeldung bei uns ein.“ In den überwiegenden Fällen, so Cramer, tauchten die Mädchen und Jungen nach ein bis zwei Tagen wohlbehalten wieder auf. Dennoch: Grundsätzlich müsse die Polizei bei verschwundenen Minderjährigen zunächst einmal von einer Gefahr für Leib und Leben ausgehen.
Die Kriminalstatistik für 2017 weist 157 Fälle vermisster Kinder und Jugendlicher im Ammerland aus. „Es handelt sich dabei aber nicht um 157 verschiedene Personen“, betont Cramer. „Manche Minderjährige reißen mehrmals aus.“ Von 19 „wiederholt Abgängigen“ ist im offiziellen Bericht die Rede.
„Bei den im Ammerland vermisst/abgängig gemeldeten Minderjährigen überwiegt die Zahl der aus Jugendhilfeeinrichtungen Entwichenen“, heißt es in dem Report weiter. Damit ließe sich auch die Diskrepanz zu den Zahlen der Stadt Oldenburg erklären. 2017 ging die Polizei dort 95 Vermisstenmeldungen nach, die unter 18-Jährige betrafen.
Allein im Zuständigkeitsbereich des Kommissariats Westerstede befinden sich laut Polizeibericht 20 Außenwohngruppen von fünf Jugendhilfeeinrichtungen. Die Bewohner kommen nicht nur aus der Region, sondern werden von Jugendämtern aus der ganzen Bundesrepublik zugewiesen.
Fragt man Cramer, wann die Polizei wegen eines nicht nach Hause gekommenen Kindes eingeschaltet werden sollte, erfolgt eine schnelle Antwort: „Sobald etwas ungewöhnlich ist.“ Und wie sieht es mit der 24-Stunden-Frist aus, die der eifrige Krimi-Leser und -Zuschauer kennt und vor deren Ablauf die Polizei angeblich nicht tätig wird? „Das ist ein Mythos. Diese Frist gibt es in keiner Dienstvorschrift.“
Bei der Suche nach einer oder einem vermissten Minderjährigen setzen die Ermittler unter anderem auf moderne Technik. Ein Foto – so vorhanden – und relevante Daten der Person werden in eine elektronische Bundeskartei eingespeist. Im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen kann vielleicht das Handy geortet werden. „Manchmal wird per Hubschrauber gesucht. Manchmal kommen speziell ausgebildete Hunde zum Einsatz. Mit Hilfe von Feuerwehrmitgliedern und Bereitschaftspolizisten werden gewisse Gegenden durchforstet“, berichtet Rolf Cramer. Im Ammerland war das, zumindest was junge Menschen betrifft, lange nicht mehr nötig.
Kehren die Vermissten freiwillig zurück, werden gefunden oder aufgegriffen, geht es an die Motivsuche. Natürlich interessiere sich die Polizei dafür, warum jemand seine Familie oder die Hilfeeinrichtung verlassen habe. Liebeskummer, schulische Schwierigkeiten, Streit sind einige der Gründe. Aber auch Schlimmeres. „Ist beispielsweise häusliche Gewalt eine Ursache, muss dem unbedingt nachgegangen und das Jugendamt eingeschaltet werden“, sagt der Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienstes mit Nachdruck.
„Wenn ein Kind oder Jugendlicher vermisst wird, kann das auch für die ermittelnden Beamten belastend werden. Je jünger die gesuchte Person ist, umso bewegender ist es. Viele von uns sind Eltern. Das hat dann schon eine emotionale Komponente. Angst und Sorge kann man da sehr gut nachempfinden“, führt der 53-Jährige aus. Rolf Cramer hat zwei Söhne. Sie sind 17 und 13 Jahre alt.
