Amsterdam/Düsseldorf/Westerstede - Wenn am 20. April die Aktionäre des Möbel- und Handelsriesen Steinhoff in Amsterdam zur Hauptversammlung zusammenkommen, dürfte es sehr ernst und auch emotional zugehen: Praktisch alle Anteilseigner, die Aktien von der „Steinhoff International Holdings NV“ halten, sitzen auf extrem hohen Verlusten. Die Aktie ist an der Börse abgestürzt. Es ist quasi nur noch Kleingeld übrig. Und viele bangen auch noch um den Rest ihres Einsatzes. „Für Anleger ist das die pure Katastrophe“, kommentierte Jürgen Kurz, der Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW/Düsseldorf), die Entwicklung gegenüber dieser Zeitung.

Die DSW hatte die Aktie kürzlich bereits zum größten Verlierer unter Deutschland Aktien 2017 gekürt – mit 94 Prozent (!) Wertverlust binnen einen Jahres. Steinhoff, mit Wurzeln in Westerstede, seit rund 20 Jahren aber von Südafrika geführt und aktuell in Amsterdam formal registriert, ist bereits seit Dezember in den Schlagzeilen. Damals wurde bekannt, dass es Unregelmäßigkeiten in Bilanzen gibt. Immer neue Nachrichten zu dem Thema kamen heraus.

In den folgenden Wochen warfen zahlreiche Steinhoff-Aktionäre ihre Anteile auf den Markt - und beschleunigten damit die Talfahrt. Es gab auch Verkäufe, die nicht ganz freiwillig waren: Manche Aktien waren auf Kredit gekauft. Da wurden dann wohl Banken nervös.

Wohin die Schussfahrt in die Tiefe führte, zeigt ein Vergleich: Für die Aktie war Anfang Dezember 2015 bei der Erstnotiz an der Frankfurter Börse (vorher: Johannesburg) ein Kurs von fünf Euro ermittelt worden. Am 1. Dezember 2017, kurz vor Bekanntwerden der Unregelmäßigkeiten, stand der Kurs bei nur noch 3,40 Euro. Dann aber kam der totale Einbruch. Immer neue Marken wurden nach unten durchbrochen. Am Montag dieser Woche kämpfte die Steinhoff-Aktie mit der 20-Cent-Linie (!). Damit sind noch etwa 4 Prozent des Börsenwertes aus der Zeit des Börsenganges in Frankfurt Ende 2015 übrig.

Sehen Sie hier eine Grafik zum Kursverfall:

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Was bedeutet das für Aktionäre? Ein Beispiel: Wer beim Börsengang 10 000 Euro investierte, hat noch 400 Euro an Wert im Depot. Großaktionäre (darunter übrigens ein Pensionsfonds aus Südafrika) verloren Beträge im Milliarden- bzw. dreistelligen Millionen-Bereich. Die Firma insgesamt, mit hunderten Töchtern rund um den Globus, wurde an der Börse Ende 2015 mit fast 20 Milliarden Euro bewertet (Methode: Kurs mal Summe der Aktien). Jetzt ist man im Bereich von einigen Hundert Millionen Euro angekommen.

Was soll werden? Der Konzern hat einen hohen milliardenschweren Schuldenberg.

Der Konzern arbeitet mit externer Unterstützung wie mehrere Behörden im In- und Ausland (u.a. Staatsanwaltschaft Oldenburg) daran, Licht in die Vorgänge zu bringen. Management und Aufsichtsrat wurden erneuert, einige Firmenteile wurden abgestoßen. Auch der Firmenjet wurde abgegeben.

All das wird bei der Hauptversammlung am 20. April Thema werden. „Es ist eben noch sehr vieles unklar“, sagt DSW-Sprecher Kurz, dessen Organisation Aktionäre auch auf Hauptversammlungen vertritt. „Langsam zu bewahrheiten“ scheine sich, dass manche Bewertungen etwa von Immobilien im Konzern zu hoch angesetzt worden seien. Aktionäre könnten so etwas allerdings kaum erkennen. „Sie schauen sich die Zahlen an. Sie sind aber darauf angewiesen, dass sie korrekte Zahlen zu sehen bekommen.“

Kurz macht im Bereich Aufsichtsgremien und Prüfung eine Mischung aus „Schlafen“, „Nicht-Wissen wollen“ und „selbst falsch informiert“ aus. Jedenfalls eine Art „Kontrollversagen“. Aufsichtsrat und Wirtschaftsprüfer seien ja eigentlich „dazu da, solche Dinge zu verhindern“.

Das Unternehmen geht letztlich auf eine in den 60er Jahren gegründete Handelsvertretung von Bruno Steinhoff (80) in Westerstede zurück.Er hat sich aber längst zurückgezogen. Der ihm direkt und indirekt zugerechnete Aktienanteil sank laut Informationen der niederländischen Wertpapieraufsicht in den vergangenen Wochen auf knapp drei Prozent. Bruno Steinhoff bestätigte dies auf Anfrage. Hintergrund sei die „Verwertung“ von Aktien bei einer Tochtergesellschaft der Steinhoff-Familienholding gewesen. Zuvor hatte Steinhoff noch 4,57 Prozent gehalten.

Rüdiger zu Klampen
Rüdiger zu Klampen Wirtschaftsredaktion (Ltg.)