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nordwest-zeitung

Auricher Windenergieanlagenbauer Enercon rechnet mit weiteren Stellenstreichungen

Klaus Wieschemeyer Jörg Schürmeyer

Aurich/Hannover/Oldenburg - Der Stellenabbau beim Auricher Windanlagenbauer Enercon und seinen direkten Zulieferern könnte weit über die bisher kommunizierten bis zu 3000 Stellen hinausgehen. Dies geht aus einer Stellungnahme des Konzerns an die niedersächsische Landesregierung hervor, die unserer Redaktion vorliegt. In dem Schreiben von Mittwoch zählt Enercon aktuell sieben „Produktionspartner“ mit dem Schwerpunkt Rotorblattfertigung auf, bei denen insgesamt 1300 Stellen wegfallen sollen.

Hinzu kämen 250 bis 300 Arbeitsplätze bei Enercon direkt sowie 600 bis 700 „freigesetzte“ Leiharbeiter bei den Produktionspartnern. Die Zahlen seien „mit Vorsicht zu genießen“, allerdings gehe man davon aus „dass sich aus dem Transformationsprozess weitere Abbauten bis zu den genannten 3000 Arbeitsplätzen ergeben werden“, heißt es in dem Schreiben. „Das ist unsere Minimalabschätzung bis Ende 2020“, schreibt Enercon und stellt direkt einen noch stärkeren Jobabbau in Aussicht: „Weiterungen sind mit dem Fortgang des Transformationsprozesses nicht ausgeschlossen“, heißt es in dem Schreiben.

Das Papier war im Nachgang eines Krisengipfels in der niedersächsischen Staatskanzlei erstellt worden. Dort hatte Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig bereits den Umfang des Stellenabbaus bekräftigt. Insbesondere die Produktion von Rotorblättern sei in Deutschland nicht mehr konkurrenzfähig. Kettwig zufolge steht das Unternehmen an einem Wendepunkt.

Weil und Lies heute in Aurich

An diesem Samstag wollen Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil und Energieminister Olaf Lies (beide SPD) nach Aurich reisen, um sich dort auf Einladung der IG Metall mit Beschäftigten sowie Vertretern von Betriebsräten, Gewerkschaften und Politik darüber auszutauschen, wie es weitergehen könne.

Laut Weil könnte sich die schwere Krise der Windkraft an Land mit den geplanten Abstandsregeln für neue Anlagen noch einmal bedrohlich verschärfen. Sollte die in der Bundesregierung diskutierte Novellierung des Baurechts zu diesem Thema durchkommen, ergäbe das ein fatales Signal an die Branche, sagte der SPD-Politiker am Freitag: „Wollte man Onshore-Wind-energie gänzlich aus Deutschland vertreiben, wäre das ein geeigneter Schritt.“

Die Bundesregierung und die Koalitionsspitzen hatten sich darauf geeinigt, dass zwischen Windrädern und Wohnsiedlungen künftig mindestens 1000 Meter Abstand sein sollen, um die Akzeptanz bei Anwohnern zu vergrößern. Ein Gesetzentwurf von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sieht vor, dass das ab mehr als fünf Häusern gelten soll, und der Abstand auch von Häusern gehalten werden muss, die erst noch gebaut werden könnten.

Umweltminister gegen Vorgabe zum Mindestabstand

Die Umweltminister der Länder sprachen sich dagegen am Freitag auf ihrer Herbsttagung in Hamburg einstimmig gegen eine bundesweite Festlegung zum Mindestabstand beim Bau von Windkraftanlagen aus. Die von der Bundesregierung geplante Vorschrift, wonach Windräder mindestens 1000 Meter von Wohnbebauung entfernt sein müssen, sei „ein falsches Signal für den aktuell ohnehin fast zum Erliegen gekommenen Ausbau der Windenergie an Land“, heißt es in dem Beschluss nach Angaben des baden-württembergischen Umweltministeriums.

Kritik an der Abstandsregelung äußerte auch Stefan Dohler, Vorstandschef des Oldenburger Energiekonzerns EWE. Damit würde die für den ohnehin bereits stockenden Ausbau von Windenergie verbleibende Fläche um bis zu 50 Prozent reduziert. Erreicht werden solle damit eine höhere Akzeptanz der Bürger für Windenergie. „Das ist so, als würde man die Akzeptanz der Schüler für das Fach Mathe steigern wollen, indem man die Hälfte aller Stunden streicht“, sagte Dohler.

EWE-Chef „betroffen“

„Betroffen“ zeigte sich der EWE-Chef über die Ankündigung von Enercon: „Hier drohen 3000 Menschen ihr sicheres Einkommen, die Region Arbeitsplätze und Steuereinnahmen und die Branche an Innovationskraft zu verlieren, weil die Politik zwar höhere Ausbauziele formuliert, im Widerspruch dazu aber immer höhere Hürden für den Ausbau der Windenergie in Deutschland aufbaut.“

Auch EWE kämpfe mit den Effekten dieser Verhinderungspolitik. Der Konzern wolle Windenergie an Land deutlich ausbauen. „Allerdings können wir die von uns geplanten Investitionsmittel nur zu einem geringen Teil ausschöpfen, weil die Zahl der genehmigten Windparks seit Jahren dramatisch sinkt“, sagte Dohler.

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