Bad Zwischenahn - Nein, weniger abenteuerlich wird es nicht im Leben von Niklas Marc Heinecke und Joscha Brörmann. Seit Juni ist die Besatzung des Segelboots Jumar auf der Expedition „Sailing Naked“ unterwegs. Naked – also nackt – deshalb, weil die Tour einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck hinterlassen sollte. Dafür wurde das Boot so umgerüstet, dass es in Sachen Strom und Wasser weitgehend autark ist.
Inklusive einer im März gestarteten Vorbereitungstour hat die Jumar in neun Monaten fast 10 000 Seemeilen hinter sich gebracht. Zuletzt hatte sich Heinecke von Island aus gemeldet. Dort hatte die Crew wegen eines gebrochenen Mastbaum eine Zwangspause einlegen müssen.
Die Fahrt nach Grönland war, so erzählt Heinecke, relativ entspannt. „Wir haben während der Fahrt zweimal pro Person geduscht, das machen wir sonst nie.“ Der Grund: Das Wasser war extrem ruhig. Leider galt das auch für den Wind, die Jumar musste ein großes Stück des Weges mit Motorkraft zurücklegen. Nach vier Tagen, Grönland kam in Sicht, kam dann Sturm auf. Bei sechs Meter hohen Wellen musste das Team, neben Brörmann und Heinecke waren seit Norwegen die Mitseglerinnen Lea Lübke und Maren Birke an Bord, zum ersten Mal während der Fahrt das Sturmsegel setzen.
Unter Eisbergen
„Man sollte nie im Dunkeln nach Grönland kommen“, sagt der in Ekern aufgewachsene Fotograf, der in Oldenburg zur Schule gegangen war und heute in Hamburg lebt. „Es gibt kaum genaue Karten, dafür aber Eis und Eisberge. „Für mich war das die krasseste Erfahrung auf der Reise. Es gab keinen Mensch, kein Handy- oder Funkempfang. Rund um uns waren eintausendfünfhundert Meter hohe Berge, die steil ins Wasser übergehen.“
Zwölf Tage verbrachte die Jumar an der Südspitze Grönlands, umgeben von tausenden Moskitos. „In dem Moment als wir angekommen waren, hatte sich der Sturm gelegt“, erzählt der Segler, „wir hatten das perfekte Grönland-Wetter.“ Ein einziges Dorf mit 80 Einwohnern fand die Crew auf Grönland. „Dort war die erste Nachricht, die wir hörten, dass Donald Trump Grönland kaufen wollte, was auch im Dorf nicht unbedingt für Begeisterung sorgte.“ Beeindruckt war Heinecke von der Einsamkeit. „Ein Fehltritt, eine Verletzung dort wäre wirklich gefährlich, weil es schwer ist, überhaupt einen Helikopter zu bekommen, der uns in Sicherheit gebracht hätte.“
Acht-Meter-Wellen
Durch den Prins Christian-Sund ging es weiter in die Labrador-See und in Richtung Kanada. „Davor hatte ich am meisten Respekt. Vor der Küste Neufundlands wurden die mit 30 Metern höchsten Wellen der Welt gemessen.“ Ganz so schlimm kam es nicht: Drei Tage wartete die Crew auf ein Wetterfenster. „Dann kam ein Tief mit 45 Knoten aus dem Westen. Mit dem gleichen Tief ist übrigens Greta Thunberg mit Boris Hermann in die USA gesegelt, die im Süden, wir im Norden“
Bei acht Meter hohen Wellen ging die Fahrt los, vor der Küste Neufundlands drehte der Wind. „Wir brauchten noch zwei Tage, bis wir in einen Hafen einlaufen konnten.“ Delfine, Wale und Vögel begleiteten das Boot in dieser Zeit. Für Heinecke bemerkenswert: „Wir konnten die Küste nicht sehen, aber riechen. Wir hatten eigentlich seit Norwegen keinen Wald mehr gesehen. Dann kommst du in Kanada an und hast nur Wald.“ An der Küste Neufundlands ging es weiter zur Hauptstadt St. Johns, wo das Team die letzten Ausläufer von Hurrikan Dorian abwartete, der zuvor in der Karibik gewütet hatte. „Dort hat uns nach zweieinhalb Monaten Maren verlassen, kurze Zeit später in Halifax ist Lea von Bord gegangen“.
Endlich in den USA
Über Nova Scotia ging die Reise nach Portland, erneut bei starkem Seegang. „Endlich in den USA zu sein war klasse, aber leider kam direkt die Herbststurmsaison und wir mussten immer auf den passenden Sturm warten, um von einem Hafen zum anderen zu kommen.“ Heinecke berichtet von atemberaubenden Anblicken – wie dem Himmel, der bei der Einfahrt nach Boston zu brennen schien. Dann New York City: „Das war für mich ein Kindheitstraum. Wir sind durch den Long Island Sund eingefahren, schon sechs Stunden vor der Ankunft konnten wir die Skyline von Manhattan sehen.“
Zwei Wochen ankerte das Boot im Hudson River – direkt neben dem Central Park. Hier kam der Zwischenahner Holger Krupp als Segelgast an Bord. Anstatt direkt in die Karibik zu fahren, machte die Jumar einen Bogen und segelte mit dem Golfstrom mit schnellen 13 Knoten in Richtung Bermuda und in die Wärme. „In New York war schon fast Winter, im Golfstrom mit seinen 25 Grad haben wir jede Stunde eine Schicht Kleidung abgelegt und sind bald wieder mit kurzer Hose gesegelt“.
In der Karibik
Wie zuvor traf das Sailing Naked Team auch auf Bermuda alte Bekannte aus früheren Häfen wieder und wurde auch von örtlichen Seglern begeistert aufgenommen. „Wir haben Holger dann überredet, dass er uns von Bermuda noch bis St. Martin in der Karibik begleitet“, berichtet Heinecke. Erneut bei hartem Wetter erreichte das Team die ehemalige Kolonialinsel. Sie war für die vergangenen zwei Monate Basis für das Sailing Naked-Team.
„Der Name sorgt übrigens überall für Lacher und Gesprächsstoff“, sagt Heinecke. „Wir segeln ja nicht nackt, aber egal ob andere Segler, Fischer oder Küstenwache, alle finden es gut.“ Für eine kurze Tour nach St. Barth kamen Svenja, Chemie-Doktorandin aus Oldenburg und ihre Schwester Julia, Bauingenieurin aus Hamburg an Bord. Auf St. Martin liegt das Boot auch im Moment. Das Team ist allerdings über die Feiertage nach Deutschland zurückgekehrt – nach viel Karibik-Gefühl mit Beachbars, Sandstränden und viel Arbeit am Boot. „Ich habe mich gefreut, nach acht Monaten wieder in Bad Zwischenahn zu sein, meine Eltern zu sehen. Es war toll, nach sechs Monaten mal wieder in einem Bett zu schlafen, das sich nicht bewegt“, sagt Heinecke.
Wie es weiter geht
Nach den ersten großen Etappen richtet sich das Team neu aus. „Wir haben in Amerika die Reisegeschwindigkeit reduziert und sind statt 350 nur noch 150 Meilen die Woche gesegelt, um mehr sehen zu können“, erzählt Heinecke. „Aber deshalb arbeitet der Hydro-Generator nicht mehr so viel und wir hatten ein Stromproblem. Wir wollen ja so autark wie möglich sein.“ Neue Solar-Paneele sorgen jetzt dafür, dass der Bedarf des Bootes gedeckt werden kann. Überhaupt musste das Team feststellen, dass Offshore-Segeln mit hohem Sicherheitsstandard ein teures Vergnügen ist. „Ich bin finanziell an meine Grenze gekommen und werde unter Umständen einige Zeit arbeiten müssen“, sagt Heinecke. Als Fotograf finde er unterwegs zwar großartige Motive, eigentlich sei der Job von Brörmann, der als Projektmanager für Offshore-Windparks arbeitet, aber besser geeignet, um auch unterwegs Geld zu verdienen. Für ihn ist das Boot auch Home-Office. Heinecke plant für Ende 2020 zunächst, einen Bildband von der Tour zu veröffentlichen.
Abenteuer-Jahr 2021
Erstmal wird das Team im Januar wieder zum Boot zurückkehren, dann nach Trinidad und Tobago und schließlich nach New York zurücksegeln. „Ich selbst werde vermutlich für drei Monate im diesem Jahr nicht dabei sein“, sagt Heinecke. Ab Oktober 2020 soll das Boot zunächst in New York bleiben. Für 2021 ist dann das ganz große Abenteuer geplant, dann soll es wieder nach Grönland und durch die legendäre Nordwest-Passage gehen. „In Zukunft werden unsere Touren unter Umständen eher extremer, aber dafür nur sechs Monate im Jahr dauern. Wir wollen nicht mit Hast in drei Jahren um die Welt segeln“, sagt der Ekerner. Stattdessen ist die Umrundung von Amerika ein mögliches Ziel. „So könnten wir beide Herausforderungen, die Nordwest-Passage und Kap Horn verbinden.“ Auf lange Sicht, so Heinecke, könnte aus Sailing Naked durchaus auch ein Angebot für nachhaltige und anspruchsvolle Segel-Kreuzfahrten werden.
