Barßel/Neuland - Wenn Rebekka Fugel die Bilder ihrer Tochter Lina Sofie anschaut, lächelt sie mit einem Hauch Traurigkeit. Ein großes Foto ihrer Tochter liegt in ihrem Bett, nah an Rebekkas Kopfkissen. „Dann hab ich sie immer neben mir“, sagt die 22-Jährige aus Barßel-Neuland. Viel mehr ist der jungen Frau von ihrer Tochter nicht geblieben. Lina Sofie kam in der 33. Schwangerschaftswoche tot zur Welt.
Es war ein medizinischer Abbruch, Lina Sofie hatte einen offenen Rücken und so viel Wasser im Kopf, dass sich kaum Hirngewebe bilden konnte. Ein Schock für Rebekka, vor allem, weil sie die Schwangerschaft erst im sechsten Monat bemerkte. Viel Freude blieb der jungen Barßelerin, die als Pflegehelferin arbeitet, nicht. Schon die ersten Untersuchungen zeigten, dass mit Lina Sofie etwas nicht stimmt.
Traurige Gewissheit
In der 32. Woche dann die Gewissheit: Das Baby hat keine Überlebenschancen. „Ich habe eigentlich nur vor mich hin vegetiert. Ich wusste nicht wohin mit mir. Mein Kopf war gleichzeitig voll und völlig leer“, erinnert sich Rebekka. Doch sie musste eine Wahl treffen: Entweder die Geburt abbrechen oder bis zur natürlichen Einleitung warten. „Zu Ende bringen kann ich das nicht, das war mir klar“, erzählt sie. „Allein die Vorstellung, dass sie dann vielleicht doch irgendwie lebend zur Welt kommt, dass sie leiden muss. Das hätte ich nicht gewollt. Und nicht ausgehalten.“
Am 30. November vergangenen Jahres kam Lina Sofie zur Welt. 44 Zentimeter groß, 2510 Gramm schwer. „Die kleinen Füße!“, ruft Rebekka liebevoll, als sie auf die Karte mit den Geburtsdaten und dem Abdruck zweier winziger Füßchen blickt. Mittlerweile ist die Apathie verschwunden, die junge Barßelerin geht offen mit ihrem Verlust und ihren Erinnerungen um. Erinnerungen, die sie Dank Johanna Abert hat, einer ehrenamtlichen Fotografin der Organisation „Dein Sternenkind“.
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Kontakt mit Fotografin
Als klar wurde, dass ihre Tochter tot zur Welt kommen wird, erfuhr Rebekka über eine Bekannte von der Organisation. Sie ließ sich Fotos zeigen und beschloss: „Ich will das auch.“ Zu groß war ihre Angst, dass die Erinnerungen an ihre Tochter mit der Zeit verblassen. Als der Termin für den Abbruch fest stand, war Rebekka selbst aber nicht in der Lage, so etwas „Banales“ wie eine Kontaktaufnahme zu übernehmen. Ihre Mutter sprang ein, organisierte alles. „Johanna habe ich nach der Geburt auf dem Zimmer das erste Mal gesehen“, erinnert sie sich. Im Klinikum Links der Weser war das.
Wie genau die Stunden mit der Fotografin, Lina Sofie und Rebekkas Eltern abliefen? Daran erinnert sich Rebekka kaum. „Ich hab das gar nicht so richtig wahrgenommen.“ Berührungsängste mit ihrer toten Tochter hatte Rebekka nicht. „Ich wurde gleich nach der Geburt gefragt, ob ich sie in den Arm nehmen will“, erinnert sie sich – und lächelt unwillkürlich. „Ich wusste sofort, dass ich es bereuen würde, wenn ich ,Nein‘ sage.“ Sieben Stunden hatte Rebekka ihre Tochter insgesamt bei sich. Johanna Abert kam erst um 12 Uhr hinzu, drei Stunden nach der Geburt.
Eine Box Erinnerungen
Als Sternenkinder werden in der Regel all die Kinder bezeichnet, die vor, während oder bald nach der Geburt gestorben sind.
Seit dem 15. Mai 2013 können Eltern die Geburt ihres Sternenkinds beim Standesamt anzeigen „und ihrem Kind damit offiziell eine Existenz geben“, wie es das Bundesfamilienministerium beschreibt.
Diese Eintragung ist auch rückwirkend möglich. Vor 2013 war diese Art der Dokumentation bei Kindern, die „mit unter 500 Gramm tot geboren wurden“, nicht möglich.
Die Bescheinigung vom Standesamt enthält in der Regel den vorgesehenen Vor- und Familiennamen, Geschlecht, Geburtsort und -tag sowie Angaben zu Mutter und Vater. Eine Registrierung im Personenstandsregister erfolgt mit der Regelung von 2013 nicht. Die Meldung ist freiwillig.
Die Organisation „Dein Sternenkind“ koordiniert bundesweit sowie in Österreich ehrenamtliche Fotografen. Gegründet wurde „Dein Sternenkind“ Anfang 2013. Den Deutschen Engagementpreis erhielt die Organisation 2017.
Für Eltern ist das Angebot kostenlos. Die Fotografen tragen die Kosten, auch für die Entwicklung und Übersendung der Bilder, selbst.
Mehr Informationen über das Projekt gibt es im Internet:
Doch auch, wenn die Stunden mit der Fotografin ob der traumatischen Situation fast komplett aus Rebekkas Erinnerungen verschwunden sind: Geblieben ist ihr dennoch eine ganze Box voll mit Erinnerungen. Zahlreiche Fotos in Schwarz-weiß und Farbe zeigen Lina Sofie. Mal allein mit einem Gänseblümchen in der Hand, mal mit ihrer Mutter und ihren Großeltern, dann wieder nur Detailaufnahmen. „Ganz zu Anfang sind schon Tränen geflossen, wenn ich die Fotos betrachtet habe“, erzählt Rebekka. „Aber es hat mich auch aufgefangen. Jetzt kann ich nie vergessen, wie sie aussah.“
Die Bilder sind aber nicht das einzige, was Johanna Abert als Erinnerungen für Rebekka bewahrt hat. In einem kleinen Herzrahmen ist das Gänseblümchen aufgehoben, die Namenskette ihrer Tochter trägt Rebekka am Handgelenk. „Alles, was in dieser Box an Stofftieren und Andenken ist, hat Lina Sofie in der Hand gehabt.“
Offen darüber reden
Während des Gesprächs lacht Rebekka regelmäßig, die Atmosphäre ist entspannt. „Früher habe ich Probleme immer verdrängt und nicht darüber geredet“, erklärt sie. Doch das hat sich mit Lina Sofie geändert. „Ich habe gelernt, dass es besser ist, drüber zu reden.“ Psychologische Hilfe hat sie nach der Geburt von Lina Sofie nicht in Anspruch genommen. Freunde und Familie haben ihr die nötige Stütze gegeben. Auch vor der Geburt, bei den schwierigen Arztterminen, war sie nie allein. „Mama hat ganz viel für mich gemacht“, sagt sie immer wieder.
Ihre Familie war auch am Tag der Beerdigung von Lina Sofie eine Stütze. Es war eine Urnenbestattung, Rebekka hatte ihrer Tochter eine hellblaue Urne mit Sternen ausgesucht. „Zuerst wurde mir eine rosa Urne vorgeschlagen, aber das wollte ich nicht. Die blaue war viel schöner.“
„Ich glaub’ daran, dass die Sterne, die wir sehen, all jenen den Weg leuchten, die einmal von uns gehen.“ Diese Zeilen aus dem Lied „Ich würd dich gern besuchen“ der Band „Unheilig“ waren bei der Trauerfeier zu hören. Einer der letzten Grüße von Rebekka an ihre Tochter.
Beim Großvater
Rebekka besucht ihre Tochter regelmäßig. Beigesetzt wurde Lina Sofie nicht in einem Sternenkindergrab auf dem nahegelegenen Friedhof, sondern im Grab von Rebekkas Opa. „Von meinen Armen in Opas Arme“, sagt sie, „so wollte ich das. Dann hat sie jemanden, der auf sie aufpasst.“
