Berlin/Cloppenburg - Wer Berlin mit der Straßenbahn erkundet und in die Linie M5 einsteigt, der stößt im Zug vielleicht auf einen nagelneuen Ticket-Automaten mit riesigem Bildschirm („Touch Screen“). Hier kann man ohne Bargeld bezahlen – und auch ohne Karten-Kontakt. Das ist neu in den Straßenbahnen des traditionsreichen Berliner Nahverkehrsbetreibers BVG.

Die Software für die revolutionären Ticket-Automaten stammt aus Cloppenburg. „Wir haben sie entwickelt“, sagt der Geschäftsführer Darius Rauert von der Amcon GmbH. „Das ist schon ein sehr cooles Projekt.“ Und es mache ein wenig „stolz, dass unsere Software aus Cloppenburg in der Hauptstadt bei dem größten kommunalen Verkehrsbetrieb, der BVG, zum Einsatz kommt“.

Konkret geht es darum, dass die BVG über 18 Monate in einigen Straßenbahnen die neue Ticket-Technologie testen will. Amcon hat eine spezielle Software entwickelt – für die Hardware des Partners Pyramid. Sie wird in 18 Straßenbahnen installiert. Zudem ist noch ein Mitbewerber am Start (ebenfalls 18 Züge). Nach der Testphase soll es dann eine Ausschreibung geben – es könnte um 500 Automaten gehen.

Mobile Ticket-Kontrolle

Amcon ist schnell gewachsen und hat heute rund 80 Mitarbeiter. Sie sind auf mehrere Standorte in Cloppenburg verteilt. Schwerpunkt der Softwareschmiede sind Lösungen rund um Tickets im Nahverkehr.

Aktuell haben die Cloppenburger ein Projekt für die mobile Ticket-Kontrolle bei der Münchner Verkehrsgesellschaft. Im Betrieb wird es um 190 mobile Geräte gehen. Zahlreiche Kunden gibt es im Ticketverkauf.

Kunden sind etwa die Verkehrsgemeinschaft Emsland Süd, Westfalen-Bahn, „national express“ (Köln), Westfälische Verkehrsgesellschaft, Harzer Schmalspurbahnen, der „Rasende Roland“ oder die Mecklenburgische Bäderbahn „MOLLI“ sowie das Wattentaxi (Schiff „Liinsand“) der Nordfriesischen Inseln.

So gesehen: Im besten Fall könnte die Cloppenburger Technologie, eingebaut in Hardware des Freiburger Gerätebauers Pyramid, eines Tages in allen Berliner Straßenbahnen installiert werden.

„Im Test werden die Funktionen gesucht, die der Nachfolger des aktuellen Münzautomaten mitbringen muss“, hieß es bei der BVG. Die Fahrgäste seien nach Nutzung der Test-Automaten „aufgerufen, vor Ort oder per Online-Umfrage Feedback zu geben und ihre Wünsche zu äußern“. Da geht es um Funktionen, aber auch um Bedienung. Beispiel: Bei der Cloppenburger Variante ist der Bildschirm leicht schräg gestellt statt senkrecht – wie kommt das bei den Kunden an?

Letztlich gehe es darum, „unseren Ticket-Verkauf auf den neuesten Stand zu bringen“, meinte Rico Gast, der Bereichsleiter für die Straßenbahn. Der aktuelle Fahrscheinautomat hänge mittlerweile seit fast 30 Jahren in den Straßenbahnen. Und heute sei die Möglichkeit, bargeldlos zu zu bezahlen, ja „eigentlich selbstverständlich“, meinte BVG-Vertriebsleiter Dr. Martell Beck.

In der Berliner U-Bahn, die ebenfalls von der BVG betrieben wird, ist dies längst selbstverständlich. In BVG-Bussen ist bisher nur Bargeldzahlung direkt beim Fahrer möglich, „Bargeldlose Zahlung ist hier in Vorbereitung“, erläuterte ein Sprecher. Immer wichtiger würden allerdings generell zwei Apps für mobile Geräte. Ihr Buchungsanteil für Tickets erreiche bereits „gut 20 Prozent, Tendenz steigend“.

In der Straßenbahn M 5 wurden in dieser Woche die ersten Test-Automaten im typischen BVG-Gelbton in Betrieb genommen, berichtete Diana Schlee von Amcon in Cloppenburg. Laufend kämen weitere hinzu. Dazu sei zurzeit noch ein Mitarbeiter vor Ort. Auch vor dem Kundenzentrum im U-Bahnhof Alexanderplatz könnten Straßenbahn-Kunden die beiden Test-Varianten ausprobieren.

Hintergrund der Entwicklung ist neben Bequemlichkeit für die Kunden, dass herkömmliche Automaten für Bargeld relativ aufwendig im Betrieb sind – und anfällig für Fehler und Vandalismus.

Allerdings: In den Test-Straßenbahnen der M5 (geplant ist auch Linie 10) gibt es außer den Automaten der Zukunft noch einen zweiten. Der akzeptiert weiterhin Bargeld.

Rüdiger zu Klampen
Rüdiger zu Klampen Wirtschaftsredaktion (Ltg.)