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nordwest-zeitung

SCHNEEKATASTROPHE 1978/79 Traktoren bahnen Hebamme den Weg zur Schwangeren

BJÖRN LANGE

Bösel - „Da war ich 29“, erinnert sich Bernhard Drees noch ganz genau an den Geburtstag seiner Tochter Daniela. So, als habe sie das Licht der Welt vor einer Ewigkeit erblickt. Genau 30 Jahre ist es her, dass sie unter ganz besonderen Umständen geboren wurde. Denn ein Bergungsfahrzeug musste die hochschwangere Monika Drees während der Schneekatastrophe im Februar 1979 aus dem eingeschneiten Haus in Bösel holen, damit Gynäkologe Dr. Meyborg, damals 32 Jahre alt, sie im Krankenhaus Friesoythe sicher entbinden konnte. Am Sonntag, 15. Februar, feiert Daniela ihren 30. Geburtstag.

Die Mutter zweier Kinder ist seit 2005 selbst verheiratet und wird an ihrem Ehrentag besonders ihre Mutter Monika vermissen, die vor zwölf Jahren gestorben ist. „Ich kann mir gut vorstellen, was meine Mutter damals durchgemacht hat“, sagt Daniela Deeken, wie sie seit der Hochzeit heißt.

Hebamme empfiehlt Hausgeburt auf eigene Faust

Monika Drees’ abenteuerlicher Weg zur Geburt begann am Morgen des 14. Februar, als die Wehen einsetzten und ihr Mann eine Böseler Hebamme anrief. Doch die schaffte es schon nicht mehr zum Hof der Familie Drees, die Wege waren bereits völlig zugeschneit. Da die Gemeinde ein Fahrverbot verhängt hatte, sollte ein Böseler Transportunternehmen den Weg freiräumen. Als jedoch auch die Räumfahrzeuge nicht mehr voran kamen, schlug die Hebamme, mit der Bernhard Drees in ständigem Kontakt stand, vor, die Familie solle das Kind nach telefonischer Anweisung zu Hause selbst auf die Welt holen. „Das war keine so gute Idee“, sagt Bernhard Drees.

Im Laufe der Nacht gelang es der Hebamme schließlich, ein Bergungsfahrzeug des Sedelsberger Roten Kreuzes nach Bösel zu lotsen, wo es zunächst sie abholte und dann die Höfe zweier Landwirte ansteuerte. Mühsam quälten sich zwei große Traktoren und das Bergungsfahrzeug durch die schneeverwehte Landschaft, bis sie das Haus der Familie Drees erreichten. Monika Drees stieg an Bord des Rotkreuz-Gefährts, das den Traktoren bis zur Garreler Straße folgte, ehe es sich von dort aus alleine auf den Weg ins Krankenhaus Friesoythe machte.

An das Geschehen in der Klinik erinnert sich Dr. Felix Meyborg noch ganz genau. „Um Punkt 10 Uhr kam Deine Mutter im Krankenhaus an“, sagt er zu Daniela.

Vater braucht Erlaubnis der Polizei

Nachdem die Ärzte festgestellt hatten, dass sich das Kind im Mutterleib in Steißlage befand, und da es Monika Drees’ erste Geburt war, entschied sich Dr. Meyborg für einen Kaiserschnitt. „Ein wunderschönes Mädchen war geboren, das sofort angefangen hat zu schreien“, erinnert er sich.

Die vielen Stunden der Ungewissheit verbrachte Bernhard Drees auf dem heimischen Hof, wo er gegen die Folgen der Witterung ankämpfte und das Vieh versorgte. „Natürlich habe ich oft an meine Frau gedacht und hatte Telefonkontakt ins Krankenhaus“, verrät er. Doch als er sie und seine Tochter am nächsten Tag besuchen wollte, brauchte der frisch gebackene Vater von der Polizei die Erlaubnis, durch die weißen Massen nach Friesoythe zu fahren.

„Immer wenn meine Oma die Geschichte an meinem Geburtstag erzählt hat, konnte ich mir das alles gar nicht richtig vorstellen“, sagt Daniela Deeken. Erst als sie als Jugendliche einen Fernsehbeitrag zur Schneekatastrophe sah, bekam sie eine Ahnung von dem, was ihre Eltern durchgemacht hatten.

Das Geburtstagskind wird seinen Ehrentag am Sonntag mit der Familie, mit Vater Bernhard, Ehemann Kevin, Sohn Marlon (6) und Tochter Louisa (4) feiern.

Mehr Artikel zum Jahrhundertwinter im Nordwesten 1978/79 finden Sie unter www.NWZonline.de/schneekatastrophe.

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