Brake/Elsfleth - Die achtjährige Liegezeit in Leer ist an der „Anny von Hamburg“ zwar nicht spurlos vorübergegangen. Wer aber den schmalen und steilen Niedergang ins Innere des Dreimastgaffelschoners hinabsteigt, hält für einen Augenblick den Atem an. Der luxuriös mit edlen Hölzern und Messing ausgestattete große Salon, der den Gast empfängt, ist eine Augenweide. Hier können es sich die Passagiere gut gehen lassen, das spürt der Gast.

Die „Anny von Hamburg“ ist ein Dreimastgaffelschoner, der 1914 mit der Baunummer 135 unter dem Namen „Anny“ bei C. Lühring in Kirchhammelwarden vom Stapel lief. Die Jungfernfahrt führte das Schiff nach St. Petersburg, wo die Besatzung vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges überrascht wurden. Die „Anny“ wurde beschlagnahmt. Von 1925 bis 1957 fuhr der Schoner dann unter wechselnden Namen Ladung über die Nord- und Ostsee. Heimathafen war Hamburg. In den Jahren 1981 und 1999 wurde der Dreimaster umfangreich restauriert. Ab 2010 lag die „Anny“ fest in Leer.

Die „Anny“ ist wieder in der Wesermarsch angekommen. Das Schiff wurde in der vergangenen Woche nach Elsfleth geschleppt und liegt jetzt auf dem Trockenen. An Bord des Segelschiffes verschaffen sich Cornelius Bockermann (Timbercoast) sowie Ihor Palahnyuk, zuständiger Betriebsingenieur von der Elsflether Werft, einen ersten Eindruck vom Zustand des Segelschiffes. Und Cornelius Bockermann ist eigentlich zufrieden mit dem, was er sieht. Der großzügige Salon, die vier Doppelkabinen, jede mit eigenem Bad, und die Eignerkabine, die mit Badewanne und einem Waschtisch aus Marmor besticht, sowie das Mannschaftsquartier im Bug, ebenfalls mit Bad für die Crew versehen, überraschen ihn. Damit hat er nicht gerechnet.

Die Timbercoast GmbH hat das Management für die „Anny von Hamburg“ übernommen, der Eigner ist Hans-Georg Näder. In der Elsflether Werft wird das Segelschiff jetzt unter die Lupe genommen und dann weiter darüber entschieden. Wie soll die „Anny von Hamburg“ künftig genutzt werden? Ob die „Anny“ aber wie der Zweimaster „Avontuur“ eingesetzt wird, der für Timbercoast Waren per Windkraft transportiert, ist laut Cornelius Bockermann fraglich. „Das kann man eigentlich nicht machen“, sagt der Reeder, Kapitän und Seefahrtexperte bei der Besichtigung. Das Inventar sei viel zu schön, um den Segler nur als Frachtschiff übers Meer zu führen.

Gemeinsam mit Ihor Palahnyuk öffnet Cornelius Bockermann Luke um Luke, Schott um Schott, und klappt sogar die ledernen Bezüge der Sitzbänke zurück um zu gucken, was noch alles unter den Bänken verstaut ist. Das alles müsse noch herausgetragen werden, bevor man mit der Sanierung beginnen könne, sagt er nach einer ersten Bestandsaufnahme.

Auf der „Anny von Hamburg“ hat der Kapitän sein eigenes Reich mit Bad – im Vergleich zu anderen Segelschiffen dieser Größe ist die Kajüte im Achterschiff großzügig geschnitten. Der Kapitän befehligt ein Schiff, dessen Rumpf aus genietetem und geschweißtem Eisen besteht. Das Deck aus Eisen und Teak-Belag spiegelt den Glanz früherer Jahre wider. Mit einer Segelfläche von 520 Quadratmetern und einer Hauptmaschine mit 200 PS kann die „Anny“ auch flott unterwegs sein.

Ist sie aber noch nicht. Das Schiffstagebuch liegt in der Kapitänskajüte. Der letzte Eintrag stammt vom 4. September 2010. „18.50 Uhr: Passagiere von Bord. Schiff fest in Leer.“

Der Gaffelschoner soll wieder in Fahrt gehen. Nach einer achtjährigen Auszeit ist es auch wieder Zeit, dass auf der „Anny von Hamburg“ die Segel gesetzt werden.

Ulrich Schlüter
Ulrich Schlüter Redaktion Brake