Brake - Es war an einem Novembernachmittag im Jahr 1972, als ein ohrenbetäubender Knall die Bürger erschreckte. Einige vermuteten, ein Düsenjäger sei abgestürzt, doch die Ursache des Knalls war im Braker Hafen zu finden.
1971 wurde mit dem Bau eines in Europa bis dato noch nicht existenten Hafensilos von gewaltiger Höhe begonnen. Die Firma J. Müller ließ eine Batterie von fünf kreiszylindrischen Stahlbetonsilos mit einer Gesamtlagerkapazität von 35 000 Tonnen am Südpier bauen. Diese Investition von 10 Millionen DM war nötig, um gegenüber den Rheinmündungshäfen konkurrenzfähig zu bleiben. Die drei Türme zur Binnenseite, die einen Durchmesser von 11 Metern und eine Höhe von 70 Metern aufwiesen, hatten eine Kapazität von jeweils 5000 Tonnen. Die beiden größeren Türme zur Weserseite konnten mit einem Durchmesser von 15,5 Meter jeweils 10 000 Tonnen aufnehmen.
Auf Pfählen gegründet
Alle Türme standen vollkommen frei, um Spielraum für Bewegung zu behalten. Gegründet war die Anlage auf 85 Pfählen, wobei jeder Pfahl für einen Druck von 500 Tonnen ausgelegt war. Die Gesamthöhe belief sich auf 86 Meter mit Elevatorturm. Den Abschluss der Anlage bildete ein Empfangs- und Aussichtsraum.
Ende April 1972 waren die ersten drei Zellen fertiggestellt, die beiden großen Türme folgten bis Oktober. Doch schon am 28. Oktober titelte die NWZ : „Wilde Gerüchte in der Stadt: Türme sind schief!“
Was war passiert? Die Silos waren zum ersten Mal mit rund 20 000 Tonnen Getreide befüllt worden. Das führte nach Aussagen von Klaus Müller zu Setzungen im Fundament, die aber wie bei allen Neubauten einkalkuliert worden waren, ebenso wie Absenkungen im Fundament selbst.
Man habe aber bei der Konstruktion der stählernen Tragbänder nicht daran gedacht und starre Verbindungen von Turm zu Turm hergestellt, so Müller. Beim Beladen traten dann Verformungen auf. Am gleichen Tag wurden weitere 6000 Tonnen Getreide in die Silos gepumpt. Elf Tage später wurden im mittleren Turm der kleineren Silos (Zelle B) in etwa 25 Zentimeter Höhe Risse an der Betonwand festgestellt. Zu dieser Zeit waren die Türme mit Maximallast von 35 000 Tonnen gefüllt.
Und dann geschah das Unglück: Gegen 15.53 Uhr kollabierte am 8. November die mittlere Zelle. Ungefähr 4500 Tonnen Mais verteilten sich um die Unglücksstelle. Es gab Großalarm bei den Braker Feuerwehren. Im damaligen Kreiskrankenhaus herrschte Alarmstufe Rot, man bereitete sich auf viele Verletzte vor.
Viele Schaulustige
Weil viele Schaulustige herbeiströmten, wurden die Zugänge zum Südpier gesperrt. Wie sich zum Glück herausstellte, waren aber weder Tote noch Schwerverletzte zu beklagen. Auch die Flutmauer am Dockdeichsweg blieb unbeschädigt, nur der ehemalige Bootsschuppen der Bundesmarine am Kielholhafen wurden zur Hälfte zerstört.
Die verbliebenen vier Silos waren nur äußerlich etwas in Mitleidenschaft gezogen. Erste Untersuchungen von Sachverständigen ergaben, dass die Gründung sowie das Fundament einwandfrei waren, hier also die Ursache des Unglücks nicht lag. Der Schaden wurde auf rund drei Millionen DM geschätzt.
Am 10. November hieß es in der Presse, dass tags zuvor ein zweiter Turm einzustürzen drohte. Doch „bis zum Redaktionsschluss stand der Turm noch“ (NWZ ). Diese neue Bewegung wurde durch die plötzliche Entlastung der Gründung durch den Einsturz verursacht.
Keine Erfahrungen
Ein Gutachten zur Unglücksursache wurde von der TU Braunschweig erstellt. Der Fraunhofer Informationsverbund kam schließlich zu folgender Beurteilung: „Der Einfluss der Auslaufkonstruktion auf die Schüttgutlasten (hier Mais) wird wahrscheinlich von entscheidender Bedeutung gewesen sein“. Beim Entleeren traten dann derart starke Schläge auf, dass die Silozelle, besonders die Zellendecke bebte. Die Kräfte dieser dynamischen Veränderungen des Mais führten zum Kollaps.
Da man vorher noch keine Erfahrungen bei Silos dieser Größe hatte, kam es wohl zu falschen Berechnungen der Veränderungen der Lasten während eines Entleerungsvorgangs (Quelle: Fraunhofer IBR, 1974).
Die Zelle B wurde wieder aufgebaut, diesmal mit stärkeren Betonwänden, und die beiden Nachbarsilos bekamen eine zusätzliche Ummantelung. Die größeren Zellen zur Weserseite wurden mit einem Stahlkorsett versehen.
Die späteren Bauten von Silos erfolgten in der stabileren Wabenbautechnik.
