Brake/Wesermarsch - „Wir sind voll“, „Ausgebucht“, „Es gibt keine Kapazitäten mehr“: Es ist egal, wo man in der südlichen Wesermarsch nach freien Kindergarten- oder Krippenplätzen fragt: Es gibt sie nicht. Oder zumindest nur zu Zeiten, mit denen berufstätige Eltern im Normalfall nichts anfangen können. Von Brake über Jade, Ovelgönne und Elsfleth bis Berne und Lemwerder gilt: Die Einrichtungen sind belegt.
Vielerorts konnte den Betreuungswünschen der Eltern für ihre Kinder zumindest überwiegend entsprochen werden, so beispielsweise in Lemwerder und Ovelgönne. Andernorts hat das nicht geklappt, so beispielsweise in Berne, wo 32 Familien nicht den gewünschten Kindergartenplatz bekommen haben und 20 Namen auf der Warteliste für eine Krippe stehen. Als Fazit steht fest: Es werden mehr Plätze gebraucht, die Städte und Gemeinden mussten sich alle strecken, um den Bedarf decken zu können und stehen damit für die Zukunft unter Zugzwang.
Berufstätigkeit zählt
„Wir haben alle Anfragen gut abgearbeitet, es sind aber auch alle Plätze belegt“, sagt dazu Melanie Jurkschat von der Gemeinde Lemwerder. Eine kurze Warteliste gebe es noch, für diese Familien werde noch nach Lösungen gesucht: „Aber alle berufstätigen Eltern konnten bedient werden.“
Die Berufstätigkeit der Eltern ist in vielen Gemeinden ein Kriterium für die Reihenfolge, in der Krippen- und Kindergartenplätze vergeben werden. In Lemwerder, Ovelgönne und Elsfleth gibt es beispielsweise Punktesysteme. „Wir berücksichtigen, ob Eltern berufstätig sind, sich in einer Ausbildung befinden, ob es pflegebedürftige Kinder in der Familie gibt oder bereits Geschwisterkinder in der Betreuung sind“, so Thorsten Böner von der Stadt Elsfleth.
Was die Platzsituation in diesem Jahr zusätzlich verschärft habe, sei eine Änderung im Schulgesetz, die es Eltern ermöglicht, Kinder, die zwischen Anfang Juli und Ende September sechs Jahre alt werden, für ein Jahr von der Einschulung zurückzustellen. Diese Entscheidung musste von den Familien bis Anfang Mai getroffen werden. „Erst da wussten wir, wie viele Plätze das sind. Einige Eltern haben von der Regelung Gebraucht gemacht“, so Böner weiter.
Die Stadt Brake hatte derweil den Versuch unternommen, ab August Kindergartenplätze in einer reinen Nachmittagsgruppe anzubieten: ein Fehlschlag. „Wir hatten auf dieses Angebot keine Resonanz, anscheinend brauchen alle einen Vormittagsplatz“, so Uwe Schubert für die Stadt Brake: „Wir konnten nicht alle Wünsche befriedigen. Einige Familien warten nun auf die neue Kita in Golzwarden. Und in der Krippe Zwergnase wird es ab Frühjahr eine weitere Gruppe geben“, so Schubert weiter.
Angebot fällt durch
Auch die Gemeinde Berne konnte mit dem Angebot der Nachmittagsbetreuung im Kindergarten nicht bei den Familien punkten: 19 Plätze sind dort frei geblieben, während 32 Familien einen Vormittagsplatz benötigen und nicht bekommen.
Zu Wartelisten will es die Gemeinde Ovelgönne gar nicht erst kommen lassen. „Das Thema Kinderbetreuung hat bei uns eine ganz hohe Priorität. Wir sind eine reine Wohngemeinde, wir wollen die Familien hier halten“, so Ulrike Mayer vom Familien- und Kinderservicebüro, bei der alle Fäden in Fragen der Kinderbetreuung für die Gemeinde zusammenlaufen: „Auch wir sind voll ausgebucht, alle Elternbedarfe konnten gedeckt werden.“ Ein paar Kompromisse mussten zwar gemacht werden – nicht zuletzt, weil sich der Neubau der zweiten Krippe in Großenmeer verzögert. „Aber wir haben Zwischenlösungen gefunden. Alle Eltern können ihre Berufe ausüben.“
In Ovelgönne macht man sich mittlerweile auch Gedanken über Betreuungsmöglichkeiten an den Wochenenden: Bei einer Abfrage hatten neun Familien ihren Bedarf angemeldet. Mayer: „Auch an dieses Thema werden wir rangehen.“ Bauchschmerzen bereitet Ulrike Mayer der Fachkräftemangel: „Die Duale Ausbildung in dem Bereich muss kommen. Wir finden kaum noch Personal.“ Was sie begrüßt: Der Landkreis Wesermarsch habe die Konditionen für Tagespflegepersonen verbessert, so dass sich die Selbstständigkeit lohne.
Denn die Kindertagespflege ist für viele Eltern längst zur Alternative zu Krippe und Kindergarten geworden. Aber auch hier gilt: Die Kapazitäten sind knapp. Detaillierte Angaben zu freien Plätzen konnte der Landkreis Wesermarsch nicht machen: Er verweist auf die örtlichen Familien- und Kinderservicebüros, die die Vermittlung von Plätzen übernommen hätten.
Einen weiteren Ball ins Spiel mit der Kinderbetreuung bringt die Koordinierungsstelle Frauen und Wirtschaft der Wirtschaftsförderung Wesermarsch: die betriebliche Kinderbetreuung. „Das ist ein Riesen-Pfund zum Wuchern“, findet Susanne Herbst von der Koordinierungsstelle. Böten Unternehmen eine eigene Krippe oder Kita, könnte diese ein schlagendes Argument beim Werben um Fachkräfte sein.
Neue Wege
Deshalb werbe die Wirtschaftsförderung bei den Unternehmen dafür, eigene Wege bei der Kinderbetreuung zu gehen oder im Verbund Lösungen zu finden. Susanne Herbst ist überzeugt: „Hat einer den Anfang gemacht, folgen andere.“ Eine Möglichkeit dazu bietet der „Verbund familienfreundlicher Unternehmen – Gemeinsam gegen den Fachkräftemangel“, der sich derzeit mit zehn Unternehmen in der Gründungsphase befinde.
In dem Verbund gebe es ein breites Angebot an Qualifizierungsmaßnahmen, Beratung bei der familienfreundlichen Personalentwicklung, betrieblichen Gesundheitsförderung und Wiedereingliederungsmaßnahmen. „Die gemeinsame Betreuung von Kindern gehört dazu.“ Nichtsdestotrotz räumt Susanne Herbst ein: In Sachen betrieblicher Kinderbetreuung seien es in der Wesermarsch dicke Bretter, die es zu bohren gilt. Denn viele Unternehmen würden sich nicht in der Pflicht sehen, solche Angebote vorzuhalten, sondern sehen die Verantwortung dazu bei der öffentlichen Hand.
Zuständig für die Erfüllung des Rechtsanspruches auf einen Betreuungsplatz sind die Kommunen. Drei Klagen seien in diesem Zusammenhang bisher beim Landkreis Wesermarsch eingegangen, so Sprecher Martin Bolte. Zwei seien zurückgenommen worden, die dritte befinde sich noch im Verfahren.
