Bremen - „Von meinem Beobachtungsposten aus erscheint dies alles wie ein wildes Hin und Her von Automaten – ohne ein Lied ! Stumpfe Farben, kantige Formen, überall und bei allen Trostlosigkeit. Bis an den Horizont nur Heideland, ein einziges Dorf, Farge, einige wenige Meter östlich von diesem Bunker. Wir arbeiten für den Tod. Seine eisige Hand hat sich schon über diesen Flecken Erde gesenkt.“

Die Tagebuchaufzeichnungen des französischen Zwangsarbeiters Raymond Portefaix tragen nichts als Resignation und Ausweglosigkeit in sich. Als Jugendlicher wurde er während des Zweiten Weltkriegs aus seinem Heimatdorf Murat in Zentralfrankreich, einer Hochburg der Résistance, von Wehrmachtsangehörigen ins Konzentrationslager Neuengamme deportiert und von dort ins Außenlager Bremen-Farge verschleppt.

Basierend auf den zahlreichen Film- und Fotoaufnahmen von Johann „Jonny“ Seubert, der für die Nationalsozialisten den Bau des U-Boot-Bunkers Valentin in Bremen-Farge dokumentierte, und Portefaix’ Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 1947 erzählt Jens Genehr in seinem Comic „Valentin“ von diesem riesigen Rüstungsprojekt, bei dessen Umsetzung mehr als 1000 Zwangsarbeiter aus ganz Europa starben.

Der 1990 in Nürnberg geborene Genehr ist in seiner ehrenamtlichen Tätigkeit am Denkort Bunker Valentin auf den Namen und das Thema gestoßen. Portefaix’ Schicksal ließ ihn von da an nicht mehr los. Die Umsetzung musste zunächst in seinem Kopf reifen, hilfreich war die Unterstützung von Freunden und Mitarbeitern der Erinnerungsstätte. „Von der Idee bis zur Reinzeichnung hat es fünf Jahre gedauert“, erzählt Genehr, der an der Hochschule für Künste (HfK) Bremen studiert. Dass ein sehr anspruchsvoll gestaltetes Comic-Buch mit 230 Seiten daraus werden würde, war am Anfang gar nicht geplant.

Dramaturgisch ist die Vermischung aus Täter- und Opferperspektive sehr interessant. Das System „Bunker Valentin“ im Bremer Norden wird von Genehr durchdrungen, zum Beispiel beim Blick auf ankommende Häftlinge und das Leben im Gefangenenlager. Schrecken, Not, Entbehrung auf der einen, Gehorsam und Opportunismus auf der anderen Seite wird in diesem Buch ausreichend Raum gegeben. Das ist natürlich keine leichte Kost – wie sollte es auch anders sein?

Genehrs Strich ist hart, der Comic in Grautönen dargestellt. Die Bildsprache ist einfach, oft kommt die Handlung ohne Text aus. Die Geschichte des Terrors wird weitergetragen. Von „Graphic Novel“ spricht er übrigens nie: „Das ist ein PR-Begriff“. Lieber sagt er „Comic“, der vor allem auf dem frankobelgischen Markt eine eigene, anerkannte Kunstform ist.

Raymond Portefaix überlebte übrigens die Pein und kehrte nach Farge zurück. Sein Erlebnisbericht „Hortensien in Farge“ erschien 1995 in deutscher Sprache.

Oliver Schulz
Oliver Schulz Redaktion Kultur/Medien (Ltg.)