Budapest - Es war einmal eine Universität. Die wurde nach einem großen Umsturz, der Teilen eines alten Kontinents die Freiheit gebracht hatte, von einem Philanthropen genau dort gegründet, wo früher Diktatoren hausten. Jahre später wird die Universität von den neuen Herren aus dem Land vertrieben. So ähnlich liest sich die Geschichte der Central European University (CEU) in Budapest. Nach den Revolutionen in Mittel- und Osteuropa gegründet und maßgeblich finanziert durch den Milliardär George Soros, steht sie heute in Ungarns Hauptstadt vor dem Aus. Grund: Die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orban will sie aus dem Land haben und hat daher schon 2017 ein Gesetz verabschiedet, das die Tätigkeit der Uni im Lande unmöglich macht. Alle Verhandlungen darüber sind seitdem gescheitert.

Prorektorin der CEU ist die Soziologin Eva Fodor. Sie lehrt in Budapest Genderstudies. Sie sieht die Gründe für den Angriff auf die CEU zum einen in der Person des Gründers und zum anderen in der politischen Ausrichtung ihrer Uni. Der amerikanisch-ungarische Gründer George Soros sei politisch unerwünscht, da er sich für eine offene Gesellschaft einsetze, die den ideologischen Prinzipien der Fidesz-Regierung zuwider liefe. „Sein Name wurde in den politischen Kampagnen der Regierung benutzt“, sagt Fodor. Dabei habe es klar antisemitische Untertöne gegeben: „Sie benutzen das, um Leuten Angst zu machen. Es ist Propaganda.“

Der CEU-Gründer George Soros (Foto: DPA)

Der CEU-Gründer George Soros (Foto: DPA)

Zudem stehe Soros im Zentrum von Verschwörungstheorien, die in Teilen der Regierung wohl sogar geglaubt würden: „Dass er Migranten bezahlen würde, damit sie nach Europa kommen, oder was auch immer sie da Verrücktes zusammenkochen.“ Dem ganze läge ein Verständnis von Gesellschaft zugrunde, das sich grundsätzlich vom Anliegen der CEU unterscheide: „Die Mission unserer Uni ist es, die offene Gesellschaft zu fördern. Sehr einfach: die liberale Demokratie.“

Viktor Orban dagegen sieht Ungarn in der Tat auf dem Weg in eine „illiberale Demokratie“. So formulierte er es 2014 selbst. Er meint damit eine Ordnung, in der liberale Werte wie persönliche und ökonomische Freiheit zwar geachtet, aber nicht im Zentrum des staatlichen Interesses stünden. Da gehörten Patriotismus, nationale Identität und christliche Bindungen hin.

Die CEU wird nun nach Wien umziehen. Logistisch ist das eine massive Herausforderung. Ein Teil der 1500 Studenten wird den Abschluss in Budapest machen. Neue Studenten dürfen nur noch in Wien immatrikuliert werden. Zudem muss die Uni – da sie nun unter österreichischem Recht registriert ist – auch Bachelor-Kurse anbieten. Bisher war sie eine reine Graduiertenschule. Besonders hart wird es für die Mitarbeiter, sagt Fodor: „Einige sind schon fast in Wien oder stehen mit gepackten Koffern an der Schwelle. Andere würden nach Wien mitkommen, wieder andere haben damit massive Schwierigkeiten damit.“

Besonders ungehalten ist Eva Fodor aber, wenn sie über die Reaktionen der EU und der USA spricht. Beide hätten zwar verbal protestiert und Unterstützung versprochen – letztlich aber nicht gehandelt. Es sei schwer vorstellbar, dass Ungarns Regierung echtem Druck in der CEU-Frage widerstanden hätte. Fodor: „Es ist ein politischer Skandal, dass die Regierung die beste ungarische Universität aus dem Land wirft. Aber es ist auch ein politischer Skandal, dass die EU und die USA das zugelassen haben.“

Die Central European University im Internet.

Hören Sie zu diesem Thema einen Podcast, produziert und gesprochen von Alexander Will.

Dr. Alexander Will
Dr. Alexander Will Mitglied der Chefredaktion (Überregionales), Leiter Newsdesk